> Edward Snowden & The-Guardian-Journalist Glenn Greenwald in Hongkong. (aus "Citizenfour"; Foto: Praxis Films)

NEWS AUS DER INTIMZONE

Zwei Jahre nach Edward Snowdens Enthüllungen schnüffeln sich die Geheimdienste weiter durch unser Leben, als wäre nix passiert. Nur: Warum ist uns das egal?

Von Jürgen Wittner

Anfang April flog der US-Comedian John Oliver nach Moskau und interviewte dort den weltweit bekannten Whistleblower Edward Snowden. Oliver, der für den Bezahlsender HBO in der Sendung "Last Week Tonight with John Oliver" komplexe Sachverhalte auf einfache Aussagen runterbricht, interessierte sich im Gespräch mit dem früheren NSA-Systemadministrator aber nicht für dessen Warnungen vor den Gefahren der NSA-Überwachung. Er interessierte sich nur für seinen Penis.

"Können die Geheimdienste meine Penisbilder sehen?", war die zentrale Frage, die der sichtlich irritiere Snowden beantworten sollte. Edward Snowden, in den USA der Spionage angeklagt, weil er die Aktivitäten der amerikanischen und britischen Geheimdienste in einer Größenordnung aufdeckte wie noch kein Whistleblower vor ihm; Edward Snowden, der seit fast zwei Jahren ausgerechnet im despotischen Russland Unterschlupf suchen musste, weil kein Land der freiheitlichen westlichen Welt ihm Asyl gewähren will; Edward Snowden, der durch den Oscar für Laura Poitras' Dokumentarfilm "Citizenfour" Anfang des Jahres von der künstlerischen Elite der USA wenigstens indirekt für seine Zivilcourage geehrt wurde; Snowden, den die US-Gerichte gleichwohl lebenslänglich wegsperren möchten, musste Fragen nach Nacktbildern beantworten.

Natürlich kann man jetzt sagen: Das muss eigentlich nicht sein. Man kann aber auch fragen: Wie kommt's? John Oliver macht solche Clownereien ja nicht ohne Grund. Der Comedian will die amerikanische Bevölkerung erreichen, auch wenn er dafür die US-Männer beim Schwanz packen muss. Er will, dass sich die Menschen in den USA zwei Jahre nach Snowdens Enthüllungen endlich dafür interessieren, wie ihre Freiheitsrechte systematisch und heimlich ausgehebelt werden. Er will, dass sie sich für Absatz 215 des Patriot Act interessieren, der das anlasslose Speichern aller ihrer Internet- und Telefonaktivitäten erlaubt. Kurz: Der Comedian John Oliver will, dass Amerikas Männer - bildlich gesprochen - sagen: "Mein Schwanz gehört mir!" und dafür politisch aktiv werden.

Das Thema "Digitale Sicherheit" ist aber nicht nur in den USA extrem unsexy. Auch in Deutschland weiß kaum ein Internetuser, wie man seine Mails verschlüsselt oder wie man im Web surft, ohne seine IP-Adresse preiszugeben. Dass Werbung im Netz nur in den seltensten Fällen einfach Werbung ist, sondern schlicht Spionage, interessiert nur die wenigsten. Vor wenigen Wochen erst sind Arte, der BR, die französische Produktionsfirma Upian und das National Filmboard of Canada (NFB) mit ihrer Gemeinschaftsproduktion "Do not track" (www.donottrack-doc.de) online gegangen, einer interaktiven Serie, bei der ich in der ersten Folge z. B. in Echtzeit erfahre, wer mich beim Surfen im Web gerade verfolgt, und genauestens protokolliert kriege, woher ich komme und wohin ich gehe; außerdem erfahre ich, was schon im nächsten Moment mit den Daten geschieht. Das sind erste Ansätze, komplexe technische Sachverhalte spielerisch aufzubereiten, so dass der normale User vielleicht bereit ist, sie zu verstehen. Auch Edward Snowden gewöhnt sich im fernen Moskau inzwischen eine solche Sprache an. Auf die Frage, wie denn ein sicheres Passwort aussehen sollte, hat er mit dem Beispiel "margaretthatcheris110%SEXY" geantwortet. Groß- und Kleinbuchstaben sind drin, außerdem Zahlen sowie zumindest ein Sonderzeichen. Und leicht merken kann man sich einen solch absurden Witz zudem.

Dass man sich selbst durch Verschlüsselung absichert, ist aber nur ein Weg, seine Privatsphäre zu schützen. Der andere Weg ist politischer und juristischer Natur. Der Österreicher Max Schrems ist gerade vor den Europäischen Gerichtshof gezogen, mit dessen Hilfe er verhindern will, dass Facebook Nutzerdaten aus Europa in die USA schaufelt, wo sie dann von der NSA aufbereitet werden. Schrems hat schon 2011 für Schlagzeilen gesorgt. Damals verlangte er von Facebook alle Daten, die das soziale Netzwerk von ihm gespeichert hatte, und erhielt 1 200 Seiten - ausgedruckt! Doch nicht nur der österreichische Querulant, auch Wikipedia klagt. Die hinter dem Wissensportal stehende Wikimedia Foundation startete vor kurzem eine Sammelklage gegen den US-Geheimdienst NSA auf Respektierung der Privatsphäre aller US-Bürger nach dem vierten Verfassungszusatz, an der möglichst viele Bürgerrechtsgruppen teilnehmen sollen. Der britische Geheimdienst Government Communications Headquarters (GCHQ) wird derweil von Amnesty International verklagt. GCHQ ist nach Snowdens Dokumenten noch viel rabiater im Datenabgriff unterwegs als die NSA, weshalb sich die NSA regelmäßig bei den Briten bediente, wenn sie Aktionen aus juristischen Gründen selbst nicht durchführen durfte.

Und wie sieht es bei uns aus? Laut Medienberichten darf die NSA seit März 2013 die digitale Kommunikation in ganz Deutschland anzapfen - autorisiert durch das berüchtigte Sondergericht, das alle US-Geheimdienstaktivitäten absegnet. Dass das Berliner Regierungsviertel komplett abgeschöpft wird, gilt als sicher. Was unsere Regierung dagegen tut: nichts. Im Gegenteil, sie ist damit beschäftigt, die eigene Bevölkerung noch besser unter Kontrolle zu bringen. Gerade erst hat sie bekanntgegeben, dass die Vorratsdatenspeicherung wieder kommen soll. Die alte Variante war vor Jahren wegen Missachtung von Datenschutzrichtlinien vom Bundesverfassungsgericht einkassiert worden. Ebenfalls vor wenigen Wochen hat die Bundesregierung beschlossen, dass ab März 2016 alle Anbieter von öffentlichen WLAN-Hotspots mit mehr als 10 000 Teilnehmern die Abgreiftechnik für das Mitschneiden aller anfallenden Daten - Telefonate und Mails etc. - bereitstellen müssen, damit die Geheimdienste sich nur noch zu bedienen brauchen. Die öffentlichen WLAN-Hotspots sind bislang die freie Wiese für digitale Surfer. Hier kann jeder bei entsprechender persönlicher Absicherung am besten anonym im Web unterwegs sein. Noch.

Snowden in Moskau im Exil, Geheimdienste als Datenkraken und Werbung als Spionagetool - das alles ist total unsexy ohne Comedian John Oliver, das ist nicht positiv, das versaut nur die Laune. Aber vielleicht hat sich ein unbekannter Scherzbold ja genau deshalb seinen Spaß mit dem Weißen Haus gemacht, dem Amtssitz von Barack Obama. Jedenfalls fand man auf Google Maps Anfang April im Zentrum der Macht plötzlich Edwards Snow Den, einen Snowboardshop des steckbrieflich gesuchten Edward Snowden, mit täglichen Öffnungszeiten von 5 bis 23 Uhr. Für wenige Tage residierte Snowden im Weißen Haus - zumindest digital.

Checkbrief

FILM
„Citzenfour“ Thrillerartiger Dokumentarfilm von Laura Poitras über Edward Snowden und die illegalen Methoden der amerikanischen und britischen Geheimdienste

LITERATUR
Glenn Greenwald: „Die globale Überwachung: Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen (2014); Bruce Schneier: „Data and Goliath“ (2015)

WEB
www.donottrack-doc.de Interaktive Serie über die alltägliche Überwachung im Internet, die genau auf mich zugeschnitten ist und exakt wiedergibt, wann und wie ich getrackt werde.

https://re-publica.de Jährliche Konferenz über das Web 2.0 und die digitale Gesellschaft, in diesem Jahr vom 5.–7. Mai. Alle Vorträge können live im Netz verfolgt werden. Empfehlung: Morgan Marquis-Boire über „Practical Security Thinking Post-Snowden“, Heather Moore, Doerte Weig, Damon Sullivan, Ashwin Rajan: „Data Noir: Privacy as Paradox in the Smart City“, Stefan Evertz: Wenn Behörden zu sehr wollen. Social-Media-Monitoring durch den Staat“, Mikko Hypponen: „Is our Online Future Worth Sacrificing our Privacy and Security?“

https://firstlook.org/theintercept Webseite, die von der Filmemacherin Laura Poitras gemeinsam mit den Glenn Greenwald und Jeremy Scahill betrieben wird. Das Geld dafür kommt vom eBay-Gründer Pierre Omidyar. Hier wird noch immer Material aufbereitet, das Edward Snowden vor zwei Jahren zur Verfügung stellte.