EINE BILDERGESCHICHTE
"Sind ja alles Drecksäcke, diese Schreiberlinge!" Falk Schreiber verliert Vertrauen.
Oberhalb dieses Textes ist ein Foto zu sehen, es zeigt den Autor. Damit kann kaum ein Leser etwas anfangen, weil kaum ein Leser den Autor kennt und deswegen etwas mit diesem Bild verbinden würde. Der Autor sieht aus wie du und ich, Brille, Dreitagebart, so läuft jeder Zweite durch die Stadt. Der Autor ist der Meinung, dass dieses Foto nicht notwendig wäre, seinetwegen könnte man es auch weglassen, dann wäre mehr Platz für den Text da, aber der Grafiker sagt nein. Der Mensch wolle Bilder sehen, sagt der Grafiker, außerdem sei die Bildfläche ein Anker fürs Auge, jeder gute Artikel benötige ein Bild. Und, naja, so wichtig ist es dem Autor auch nicht, soll das Bild da bleiben, whatever.
Leider hat dieses Grafikerdogma zur Folge, dass mittlerweile alles bebildert werden muss. Beispiel Finanzwirtschaft. Ein Artikel darüber, dass es der griechischen Wirtschaft nicht gut geht, ein ödes Thema, ein unspektakuläres Thema, ein Thema, das so abstrakt ist, dass es eigentlich keine Bilder dazu gibt. Der Wirtschaftsjournalist wählt als Texteinstieg "Dunkle Wolken über der Akropolis", und der Grafiker weiß sofort, was er für ein Bild wählt: Ein Unwetter, das über der Akropolis aufzieht. Beispiel Popkultur. Im Artikel geht es darum, dass eine Band auftritt. Und auf dem Foto ist eine Band zu sehen, wie sie schwitzig vor einer tobenden Masse auftritt. Absolut nichtssagend, jede zweite Band sieht so aus. Beispiel Politik. Sigmar Gabriel hat irgendwas gesagt. Im Fernsehen wird aber nicht gezeigt, wie er irgendwas sagt, im Fernsehen wird zunächst gezeigt, wie er im Ministerium einen Gang entlangläuft. Wie ist das wohl, wenn da mitten in diesem Gang plötzlich noch Andrea Nahles aus der Toilette kommt? Sagt der Kameramann dann zu Gabriel: "Tschuldigung, da ist gerade diese Tante ins Bild gelaufen, bitte nochmal den Gang runterkommen!", und Gabriel geht zurück und läuft nochmal den Gang entlang? Was, bitteschön, soll solch ein Bild sagen? Der Parteivorsitzende hat einen entschlossenen Gang? Und wen interessiert das?
Die Leute! Die Leute wollen Bilder sehen!
Die Leute aber sagen, dass sie das ganz und gar nicht wollen. Den Leuten gehen die Bilder auf die Nerven, die Leute regen sich darüber auf, dass nach einem Unglück Reporter bei Verwandten im Wohnzimmer stehen und Fotos abgreifen, die Leute fühlen sich, Verzeihung, verarscht, wenn im gesamten Fashionjournalismus kein einziges Modelfoto existiert, das nicht durch die Fotoshopmühle gedreht ist. Die Leute verstehen nämlich sehr gut, dass Bilder lügen. Und die Leute wollen nicht mehr angelogen werden, sagen sie. Was die Leute allerdings auch nicht wollen, sind Bleiwüsten, Seiten, auf denen nur Text ist, kein Bild, kein Anker fürs Auge, wie der Grafiker sagt. Man könnte vielleicht mit abstrakten Strukturen arbeiten. Man könnte sich aber auch einfach damit abfinden, dass man es nicht mehr richtig machen kann.
Wir sind Medien, und Medien sind Lügenpresse, da ist ja auch klar, dass wir mit unseren Bildern lügen. Und es stimmt ja, das angewiderte Gefühl bei Unglücksfotos ist nachvollziehbar, und es ist auch nachvollziehbar, wenn sich ein Hamburger Kiosk weigert, die Bild zu verkaufen, unter großem Zuspruch der Leute. Keine große Sache, er hat einfach eine Zeitung aus dem Sortiment genommen. Nur dass die Leute dann alle Medien in einen Topf schmeißen und sagen: "Ach, gut, dass ihr die Bild nicht mehr verkauft, sind ja alles Drecksäcke, diese Schreiberlinge!"
Aber was machen wir anders? Wenn wir über Sigmar Gabriel schreiben würden, was würden wir für ein Bild zeigen? Wenn wir über ein Unglück schreiben würden, was würden wir für ein Bild zeigen? Wenn wir über eine Band schreiben, was zeigen wir für ein Bild? Und was würdet ihr für ein Bild sehen wollen?
Oberhalb dieses Textes ist ein Foto zu sehen, es zeigt den Autor. Ihr könnt es im Geiste verbrennen. Oder wegschmeißen. Ihr könnt euch in dieses Bild eines Journalisten verlieben. Oder ihr könnt es als Anker nehmen, im Text, im Lesefluss. Es ist für euch.


