IF THIS THEN WHAT
Was haben das längste Buch und die flüchtigste Messenger-App gemeinsam? Sie sind echte Zeitfresser - im wahrsten Sinne des Wortes.
Von Volker Sievert
Gerade lese ich den zweiten Band von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust - ein Mammutschmöker und eine Art moderner Mythos, etwa wie Googles Algorithmus: Man weiß, dass er existiert, man wird ihn aber nie verstehen (ich auch nicht). Manche Leute, die ich kenne, besitzen das siebenbändige Monsterwerk ebenfalls, aber nicht zum lesen, sondern um es analog zum Foodporn in den sozialen Netzwerken im realen Leben als Regalporn ihren Besuchern zu präsentieren. Ich habe dafür ein Foto meiner Proust-Gesamtausgabe als Regalporn bei Instagram gepostet, weil das einen interessanten Kontrast zu dem schafft, was ich sonst abonniert habe: Heidi Klums Frühstück, Kim Kardashians Luxusleben, Mario Götze beim Katy-Perry-Konzert, Selfies von Pharrell. Mein Foto ist zwischen einem Kurzvideo von rumzickenden GNTM-Mädchen und Lena Meyer-Landrut beim Chillen aber nicht the next big thing im World Wide Web geworden.
Ich habe das Foto des wohl längsten Buches aller Zeiten auch mit dem vergänglichsten Messenger-Dienst der Welt einem Freund geschickt. Bei Snapchat hat sich das Bild regelgerecht in wenigen Sekunden aufgelöst - also in einem Sinne in der Zeit verloren, die Proust vor 100 Jahren nicht für möglich gehalten hätte (da hätte er wirklich lange nach suchen können!). Ist etwas, das sich nach 10 Sekunden auflöst, verlorene Zeit in dem Sinne, dass es unwiederbringlich verloren ist? Proust hätte das bezweifelt, schließlich handelt sein Roman von der Macht der Erinnerung an Vergangenes - der verlorenen Zeit. Und er hätte Recht: Mit ein paar Tricks kann man die Snapchat-Fotos nämlich wiederherstellen, sie sind noch einige Zeit im temporären Datenverzeichnis gespeichert - ganz so wie unsere Erinnerungen in unserem oder die von Proust in seinem Kopf. Ich habe die aufgelösten Bilder mal wiederhergestellt. Aber das ist ungefähr so schwierig, als versuche man, den Inhalt von "Auf der Suche ..." in einen Tweet zu packen. Es ist verlorene Zeit, die man sinnvoller verbringen kann.
Das Internet würde Proust sicher verstören, denn es vergisst nichts und kennt somit keine verlorene Zeit mehr, was sein Buch gewissermaßen überflüssig macht. Wenn immer alles verfügbar ist, was mal war, braucht man keinen Wälzer darüber zu schreiben, wie es ist, sich Erlebtes en Detail aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. Dabei ist Proust eigentlich der erste Sharer der Moderne: Indem er seine Erinnerungen an früher aufschrieb und mit uns teilte, hat er es ähnlich gemacht wie wir: Wenn wir ein Foto von uns posten, wollen wir, dass viele Leute und die Nachwelt wissen, dass wir in diesem Moment glücklich und cool oder beides waren. Gerade weil das Glück so ephemer ist, wollen wir es festhalten; Proust hat's aufgeschrieben, wir posten ein Foto bei Pinterest. Da gibt es übrigens auch sehr viele Proust-Pinnwände ...


