Foto Hudson Mohawke - SO FEEL WIE MÖGLICH
Foto: Tim Saccenti
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SO FEEL WIE MÖGLICH

Wie stößt man Clubgänger vor den Kopf? Hudson Mohawke suchte die Antwort bei einem Experten - natürlich dem besten der Welt.

Von Lasse Nehren

"She's DTF cuz' she's down to feel", singt Snoop Dogg auf seiner neuen Platte. Ja: singt, und ja: Den Löwen hat er anscheinend begraben. Aber, vor allem, ja: Klar findet, wer DTF im urban dictionary aufruft, eine ungleich weniger schmonzige Definition. Wo früher, pardon, gefickt wurde, wird nun gefühlt, mehr Snoopy- als Doggystyle. Ob der Doggfather nun den Blunt mit dem James Blunt verwechselt hat oder schlicht ein wenig altersmilde wird, ist an dieser Stelle einerlei. Entscheidend ist: Gefühle gehen klar. Man darf das jetzt, empfindsam sein.

Ross Birchard hat auch Gefühle. Zugegeben, während der als Hudson Mohawke bekannte Produzent und DJ die zitternde Hand nach seinem Getränk ausstreckt, wirkt er eher ein wenig sediert. Er ist in Berlin, um über sein zweites Album zu sprechen - und Berlin ist noch in ihm. Wie er so dasitzt, leicht gerötet und von einer durchzechten Nacht unfreiwillig entschleunigt, scheint er die Essenz dessen zu verkörpern, was viele so an TNGHT, seinem Kollaboprojekt mit Lunice, abgefeiert haben: Exzess. Kompromissloser Abriss, als gäbe es kein Morgen. Gibt es aber, und ausgerechnet an diesem Morgen will Birchard doch eigentlich betonen, wie wichtig es auf dem Weg zu "Lantern" war, die Fährte zu TNGHT mit der zwischengeschobenen "Chimes"-EP zu verwischen. "Ich brauchte etwas, um die Ohren der Leute für das zu öffnen, was als nächstes kommt. Gerade der Leute, die nur den TNGHT-Kram kennen. Ich wollte aus dieser Schublade raus." Wie sich herausstellt, wenn man "Lantern" hört, ist der Brückenschlag gelungen. Das Herz- und Titelstück von "Chimes" bemüht zwar eine vertraute gebieterische Breitschultrigkeit, formuliert diese allerdings bei gedrosseltem Tempo sanfter aus. Sanftheit war nun in der Tat kein Attribut, das man den Maschinengewehrbeats von TNGHT zugeordnet hätte. "Es ist viel zu einfach, eine Platte mit Clubsongs zu machen", marginalisiert Birchard sein Nebenprojekt. "Für EPs ist das okay, aber für das Album wollte ich nicht einfach einen Haufen aggressiver Beats. ,Chimes' ist kein Song, den ich aufs Album genommen hätte - das möchte ich mir in zehn Jahren anhören können, ohne dass es klischiert oder dated klingt."



Birchard ist das Kind seiner Zeit: einer fordernden, oft überfordernden Zeit. Seine Antwort: Maximalismus. Wie ein Rustie, ein Machinedrum oder auch der Flying Lotus der "Los Angeles"-Episode macht er sich groß, feuert zurück. Wo einst Camp der Realität entgegenstand, stehen heute Glitch und Trap, Marschfanfaren und Bässe, die Tchibo-Anlagen in Stücke reißen. Einer Generation, die zum Rave nur mehr ein Soundcloud-fähiges Handy und eine Anlage benötigt, ist Hudson Mohawke zum Zeremonienmeister des Abrisses geworden. Doch wer Remixe für Künstler von Paolo Nutini bis Jackson And His Computer Band raushaut, von denen etwa die überraschend zarte Neubearbeitung von Björks "Virus" zu den eindrucksvollsten zählt, macht seine Ambition offensichtlich, nicht auf eine Sache festgeschrieben zu werden. So variantenreich er sie auch zur Geltung bringt, Birchard hat als Auteur-Produzent eine wiedererkennbare Handschrift ausgebildet, die aus Azealia Banks' "Jumanji" ebenso deutlich hervortritt wie aus "Your Body" von Chris Brown. Eine Handschrift, die so begehrt ist, dass selbst die Big Player des Business heute den Flieger besteigen, um Birchard in London zu besuchen. "Einige der Kanye-Sachen sind in meinem Studio entstanden", erzählt Birchard beiläufig. "Im Gegensatz zu den Vorjahren, in denen ich ständig reisen und meinen Laptop an irgendein beschissenes Equipment anschließen musste, kommen die Leute jetzt zu mir. Das ist erträglicher, als viermal im Monat nach Hawaii zu fliegen."



War das Mohawke-Debüt "Butter", wie Birchard selbst zugibt, noch eine kaum durchdachte Ansammlung vielversprechenden Rohmaterials, ist "Lantern" nun das, was er bislang schuldig geblieben ist: sein erstes großes Statement als Solokünstler. Es scheint das kreative Schwerterkreuzen mit anderen Produzenten gewesen zu sein, das Birchard den entscheidenden Schritt vorangebracht hat. So wird er sich beispielsweise neben dem Ambient-Protagonisten Oneohtrix Point Never für das neue Projekt Antony Hegartys verantwortlich zeichnen. "Das Arbeiten an diesem Projekt war toll, nicht nur, weil es eine so unwahrscheinliche Kollaboration ist, sondern auch, weil es in mehrerer Hinsicht augenöffnend war. Wir drei arbeiten alle sehr unterschiedlich, und ich glaube, jeder hat etwas von den anderen lernen können." Was das in seinem Fall war, weiß Birchard genau. "Es war einfach eine Form von Songwriting, mit der ich vorher nicht vertraut war: tatsächlich bei Null anzufangen. Das hat mir auch bei ,Lantern' geholfen."



Doch eine Begegnung gab es, die sogar noch prägender für Birchard sein sollte. "Der Ansatz meiner Platte ist stark davon beeinflusst, Rick Rubin bei der Arbeit zuzusehen: wie er sich den Dingen rein über Gehör nähert. Er schaut auf keinen Bildschirm, sondern lauscht einfach mit geschlossenen Augen und sagt dann: Dieser Teil muss weg. So jemanden betrachte ich sehr viel eher als Produzenten als jemanden, der Beats am Laptop produziert", redet sich Birchard so ganz allmählich den Rausch aus dem Körper. "Ich habe mir einige seiner Techniken angeeignet, um sie für diese Platte zu nutzen. Allein schon die Herangehensweise, einfach mal die Augen zuzumachen oder ans andere Ende des Raumes zu gehen, um richtig hinzuhören, anstatt auf kleine Blöcke zu starren und dir vom Computer sagen zu lassen, was zu tun ist ... Von der Arbeit mit ihm habe ich definitiv viel gelernt." Birchard hat sich die Fähigkeit abgeschaut, im Kleinen wie im Großen auf Komposition zu achten. Auf sinnhafte Struktur. Es ist nicht der reine Ausdruck, der zählt - es zählt auch: Gefühl. Und so funktioniert es denn auch, dass das typische HudMo-Vokabular keineswegs auf der Strecke bleibt, um "Lantern" zu einem ebenso monumentalen wie stimmigen, auf großgestige Weise anschmiegsamen Album zu machen. Nervöse Beatbasteleien sind lediglich noch (verzichtbare) Zwischenspiele, Opulenz ist hier mehr anmutig als übermütig. Neben "Ryderz", das um ein 70er-Jahre-Soulsample gebaut ist, gibt es fünf weitere Songs mit Gastsängern. Der eindrücklichste: "Indian Steps", gesungen von Antony, von Birchard sensibel in Szene gesetzt. "Lantern" ist geprägt von Stimmen. Von einem Leben, das nicht nur in der Parallelwelt Club stattfindet. Von, erneut: Gefühl.

Die Frage wird sein, ob es ihm gelingt, auch diejenigen abzuholen, die zu seinen DJ-Sets strömen, um zu TNGHT-Gebretter ihre Gefühle ebenso zu betäuben wie ihre Trommelfelle. "Von den TNGHT-Shows haben die Leute eben eine ganz bestimmte Sache erwartet - wirklich experimentieren konnte man da nicht." Birchard hat die richtigen Leute getroffen, um das Experiment Gefühl schließlich doch zu wagen. Und was man nun auch immer meint, wenn man DTF sagt: "Lantern" kann man in jedem Fall dazu auflegen.

Checkbrief

NAME Ross Birchard
KÜNSTLERNAME Hudson Mohawke
BERUF DJ, Produzent
ALTER 29
KOMMT aus Glasgow
WOHNT in London
STIL Glitch, Trap, HipHop, Electronica
NEBENPROJEKT Gemeinsam mit dem DJ- und Produzentenkollegen Lunice hat Birchard als TNGHT eine gleichnamige EP veröffentlicht. Das Duo co-produzierte außerdem den Track „Blood on the Leaves“ von Kanye Wests „Yeezus“
KOLLABORATIONEN Neben diversen Arbeiten für und mit Kanye West produzierte Birchard unter anderem Tracks für Drake, Azealia Banks und coproduzierte das kommende Album von Antony Hegarty
AKTUELLES ALBUM „Lantern“ erscheint am 12. Juni
GASTSÄNGER Irfane, Ruckazoid, Antony Hegarty, Miguel, Jhene Aiko
ANSPIELTIPPS „Warriors“, „Scud Books“, „Indian Steps“, „Resistance“