Foto Jamie XX - SCHALL UND KNALL
Foto: Tom Beard
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SCHALL UND KNALL

Der Londoner Produzent Jamie XX macht auf seinem Solodebüt eine der schönsten Liebeserklärungen aller Zeiten - doch sie enthält auch eine düstere Prophezeiung.

Von Carsten Schrader

Mit direktem Augenkontakt hat Jamie Smith nach wie vor so seine Probleme. Trotz all der Interviews, die er im Laufe der Erfolgsgeschichte von The XX durchleiden musste und bei denen er sich immer weniger hinter seinen Bandkollegen verstecken konnte, weil durchsickerte, dass er der musikalische Strippenzieher des Trios ist, wirkt der mittlerweile 26-Jährige noch immer wie ein Schuljunge, der zu einem verhassten Verwandtenbesuch gezwungen wird. Vielleicht hat er wegen der Aufmerksamkeit so lange gezögert: Nach seinem Remixalbum für Gil Scott-Heron und diversen Singleveröffentlichungen wird nämlich sein Soloalbum schon allerorten sehnsüchtig erwartet. "Eigentlich hatte ich nur ein Mixtape mit all meinen Solosachen angedacht, um den Kopf für das dritte Album von The XX freizuhaben", sagt er und blickt dabei starr zu Boden, "doch dann tat sich quasi von selbst eine Dramaturgie auf, so dass ein Album plötzlich Sinn ergeben hat."

Auf "In Colour" bringt er den Sound britischer Undergroundclubs und melancholische Popmomente zusammen, und er verrät dabei weder Albumlogik noch Stilkonsequenz. Und bei aller Schüchternheit tendiert er wenigstens nicht mehr zum Understatement. Smith weiß nicht nur sehr gut, dass er sich mit der Platte endgültig als einer der wichtigsten Produzenten etabliert - er hat diese Erkenntnis auch quasi zum Konzept seiner Platte gemacht. "Jeder Song spiegelt meinen Stolz auf das, was ich in den letzten Jahren erreicht habe", erklärt er und stellt bei seiner Bilanzierung das Motiv der Sehnsucht in den Mittelpunkt. "Das Heimweh auf Tour hat sich genauso eingeschrieben wie das Gefühl, dass es auch oft viel zu eingefahren und ruhig ist, wenn ich daheim in London bin."



Er hätte jeden Gastmusiker haben können, doch bei seinem Konzept war klar, dass er lieber die XX-Kollegen bei drei Stücken um Gesangsparts bittet. Für Smith auch eine willkommene Gelegenheit, die gewohnte Arbeitsweise aufzubrechen und seine Mitstreiter für nerdige Detailarbeiten am Sound zu sensibilisieren. "In der Vergangenheit bin ich oft verzweifelt", empört er sich, und jetzt, da er sich verstanden fühlt, klappt es auch mit dem Blickkontakt. "Romy und Oli betrachten das alles ziemlich sorglos, während ich mich vier Tage mit einem einzigen Snaresound beschäftige."

So sehr der Streifzug durch UK-Garage, Post-Dubstep, R'n'B und House eine Liebeserklärung an seine Heimatstadt ist, haben sich in die Songs auf "In Colour" auch melancholische Untertöne eingeschrieben, wie man sie von The XX kennt. "In London findet gerade ein radikaler Wandel statt", sagt Smith. "Viele Orte verschwinden, und es fließt viel neues Geld in die Stadt - das aber nicht zum Wohle derer eingesetzt wird, die in der Stadt aufwachsen." Er erzählt, dass sein Lieblingsclub Plastic People vor Kurzem dichtmachen musste, und sieht das als Indikator für die großen Zusammenhänge. "Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer, und bei vielen steigt der Frust, während der Charakter der Stadt mit jedem Tag mehr ausgelöscht wird." Doch weil die Leute auf das Ende von Plastic People mit Eigeninitiative reagieren und sich selbst in bislang vernachlässigten Vierteln neue Subszenen und Clubabende auftun, gibt er London nicht verloren. "Immer mehr Bewegungen entstehen, die die Stadt zurückerobern wollen, und ein großer Knall scheint mir fast unumgänglich."



Eben nach London geht es nun auch schon zurück, wo er nach Aufnahmesessions in Texas, L. A. und auf Island am neuen XX-Album weiterarbeiten will. Und nebenbei muss er sich auch Gedanken machen, wie er "In Colour" für die angekündigten Soloshows auf die Bühne bringen will. Jamie Smith braucht den Stress, um kreativ zu sein. "Manchmal wünschte ich, ich könnte mich einfach entspannen", sagt er, während er seine Sachen für die Fahrt zum Flughafen zusammensucht, und so traurig das auch klingt, muss er doch grinsen. "Vielleicht mache ich in drei Jahren ja einen großen Urlaub, wenn die XX-Platte durch ist." Glauben kann man ihm das nicht, aber es tut gut, Jamie XX zum Abschied lächeln zu sehen.

Checkbrief

NAME Jamie Smith
KÜNSTLERNAME Jamie XX
ALTER 26
WOHNORT London
BERUFE Produzent, DJ, Mitglied bei The XX
GENRES Electronica, Future Garage, Post-Dubstep, House, UK-Garage, TripHop
BERATERSTAB BEIM SOLOALBUM Four Tet, Benji B und seine XX-Kollegen Romy Madley Croft und Oliver Sim
BERLINER LIEBLINGSCLUBS Berghain, Panorama Bar
BERLINER LIEBLINGS-DJS Prosumer, Innervisions
AKTUELLES ALBUM „In Colour“ erscheint am 29. Mai
ANSPIELTIPPS „Gosh“, „Sleep Sound“, „Seesaw“, „Obus“, „Just saying“, „Stranger in a Room“, „Hold tight“, „Loud Places“, „I know there’s gonna be (Good Times)“, „The Rest is Noise“, „Girl“
LIVE 19. 10. Köln, 24. 10. Hamburg