Foto Balthazar - LASSEN SIE UNS DURCH, WIR SIND ARSCHCOOL.
Foto: Titus Simoens
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LASSEN SIE UNS DURCH, WIR SIND ARSCHCOOL.

Fabian Hischmann besucht für uns das Balthazar-Konzert in Berlin - und nutzt seinen Bericht auch, um uns die ekelige Geschichte zu erzählen, wie er einst ein Date verpatzt hat.

Zuerst möchte ich sagen, dass ich kein Freibier im Heimathafen Neukölln bekomme. Zumindest noch nicht. Und auch die Thekenkraft fragt beim dritten Konzertbesuch nicht: "Wie immer?", bevor ich bestelle, sondern: "Rhabarberlimonade, wie niedlich", als ich bezahle. Unberechenbar bleiben, wenn die Zeichen auf Wiederholung stehen, sage ich mir, und dass man ja oft bis drei zählt und es dann erst richtig los geht. In diesem Sinne: Eins, zwei und -------

Der günstige Italiener hat zu. Stattdessen essen wir Roastbeef-Sandwiches vor dem Konzert und versuchen den Bandnamen mit vollem Mund auszusprechen. Ich spucke meinem Freund dabei ein Fleischstückchen unter das rechte Auge. Er sagt: "Meat me baby, one more time." Ich schenke ihm die Pommes, die mir zuviel sind.

Pommes Frites wurden in Belgien erfunden. Steht so bei Asterix und Wikipedia. Und in Belgien haben sich auch Balthazar erfunden (Mordsüberleitung, I know). Da sind sie echte Stars, das zweite Album "Rats" chartete auf Platz eins, und auch "Thin Walls", ihr dritter Longplayer (Drei. Eben, siehste), landete ganz vorne. Und hier in Berlin geht es ebenfalls gut los, denn das Konzert zum neuen Album ist ausverkauft.



Jede Menge junger Menschen in konformen Individualklamotten stehen mit uns - zwei mittelalten Typen in konformen Individualklamotten - in der Reihe. Eine Crew läuft schnurstracks an uns allen vorüber Richtung Tür. Und kommt durch. "Die denken wohl, sie sind besonders cool", sagt das angepisste Mädchen mit den silbern gefärbten Haaren hinter uns und: "Ärsche."

Ärsche sind die Jungs, nebst Violinistin und Keyboarderin Patricia Vanneste, nicht. Cool schon. Leadsänger Maarten Devoldere erinnert im Gestus an einen jungen Nick Cave, und die Moves, die sein Mikrofonkollege Jinte Deprez mit der umgehängten Gitarre macht, sind enorm, ohne peinlich zu sein. "Thin Walls" macht Spaß, vor allem live.

Das Tolle an Balthazar und diesem Abend ist, dass man das Gefühl hat, bei einer wirklichen Ensemble-Vorstellung dabei zu sein. Die fünf haben alle ein solides Ego, man sieht das, aber da alle fünf gleich aufgeputscht und fröhlich wirken, sich gegenseitig anspielen und anlachen, kann man keinen von ihnen unter Banddiktatoren-Verdacht stellen.
Vom Energiegehalt erinnern sie in den besten Momenten an Kollektive wie Arcade Fire. Überhaupt muss man sagen, dass Balthazar eine wohlig eklektische Gruppe sind. Vieles klingt vertraut, und Devoldere ähnelt oberflächlich nicht nur Nick Cave, sondern stimmlich auch einem Alex Turner (Arctic Monkeys).
Obwohl man das alles schon so oder ähnlich irgendwo anders gehört hat, sind "Then what", "Night Club" oder "Bunker" Hits. Die drei Songs befinden sich übrigens alle auf der A-Seite der Platte, was ein bisschen schade ist, weil die ruhigere B-Seite dadurch ein wenig vor sich hin plätschert.



Im Saal plätschert es in dieser Nacht dafür nie einfach vor sich hin. Der Funke springt über, die Menschen tanzen und verschütten Bier. Meine Schuhe müssen auch dran glauben, und als ich nach der theatralischen Zugabe - die Band spielt "Blood like Wine", einen Song vom Debüt, in dem es heißt: "Raise your glass to the nighttime and the ways, to choose a mood and have it replaced", woraufhin viele ihre Gläser Richtung Decke strecken - nach Hause laufe, machen meine Schritte Schmatzgeräusche, und ich muss daran denken, wie ich als Fünfzehnjähriger einmal eine Plastiktüte angekickt habe. Da war blöderweise Kotze drin, und ich war auf dem Weg zu einem Date. Ich habe es kurzfristig abgesagt, und es ist zu keiner Wiederholung gekommen.
Bei Balthazar wird das anders sein, schätze ich. Die nächste Kolumne kommt voraussichtlich von draußen, vom Immergut-Festival. Da spielen sie auch, und ich werde wieder Bier trinken. Wohl definitiv mehr als drei.

FABIAN HISCHMANN (31) hat unter anderem am Literaturinstitut Leipzig studiert. Im Frühjahr 2014 erschien sein Debütroman "Am Ende schmeißen wir mit Gold", der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war und zu den Lieblingsbüchern der uMag-Redaktion zählt.