WILLKOMMEN WOLF
Falk Schreiber fährt aufs Land und stößt auf verschiedene Formen von Paranoia.
So hübsch wars auf dem Land
eine wunderschöne Scheune
mit Bienen in den Büschen
und alles voller Bäume.
(Die Sterne, Trrrmmer)
Feeding on fever
Down on all fours
Show you what all that
Howl is for.
(TV On The Radio, Wolf like me)
Ja, es war schön, im Wendland. Es gab Hügel mit Wald drauf und blauem Himmel drüber, der Waldboden war weich und besiedelt von Kleingetier, und zwischendrin tauchten immer wieder kleine Dörfer auf, voll schmuck hergerichteter Höfe. Um die Höfe Jägerzaun und am Jägerzaun Hinweistafeln: "Hier wache ich", dahinter geklemmt ein echter, hoffentlich nicht mehr funktionsfähiger Revolver. "Zutritt auf eigene Gefahr. Eltern sollten sich von ihren Kindern verabschieden." Eine Abschussstatistik: "Briefträger: III. Schwiegermütter: II. Einbrecher: IIII" Wow, denke ich, in der Stadt findet man nirgends solche Tafeln, auf dem Land muss ja eine unvorstellbar hohe Kriminalitätsquote herrschen. (Schaut man sich die Kriminalitätsstatistik des BKA an, wurden 2013 rund 20 Prozent aller Diebstähle in Kommunen mit bis zu 20000 Einwohner begangen, während über 30 Prozent in Großstädten mit mehr als einer halben Million Einwohner stattfanden, auch Körperverletzung passierte häufiger in der Großstadt.) Was auf dem Land zweifellos weit verbreitet ist: Paranoia. Überall Eindringline.
Eindringline, die kommen von außen. Der Briefträger, haha, ein Witz, schon gut. Die Schwiegermutter dringt ein in die Zweisamkeit und bringt Erdbeermarmelade mit. Und der Einbrecher dringt tatsächlich gewaltsam ein, wenn man mal davon absieht, dass er eben das hier auf dem Land eher selten macht und viel häufiger in der Stadt. Neuerdings dringt noch jemand ein, vor dem man sich in Acht nehmen sollte: der Wolf. Ein Wolfspaar wurde mehrfach im Wald beobachtet, seit vorigem Jahr auch sieben Junge - das nennt man dann ein Rudel. Und solch ein Wolfsrudel, das ist gefährlich. "Nein", sagen wir naiven Städter, "das ist nicht gefährlich, sondern niedlich! Die tun doch niemandem was, die süßen Welpen mit ihrem puscheligen Fell!", außerdem sind Wölfe charmante Popkultur-Protagonisten, in diesem Heft zum Beispiel gibt es einen spannenden Artikel über die britische Band Wolf Alice, und wir erinnern uns immer noch an den TV-On-The-Radio-Hit "Wolf like me". Die Landbewohner verdrehen die Augen. Natürlich tun die was, das sind immerhin Raubtiere, kein Pop, ob wir uns nicht mehr an das Märchen von Rotkäppchen erinnern? Angeblich sah man schon hungrige Wölfe vor einem Kindergarten rumlungern, "Denkt denn niemand an die Kinder?" Und wenn eines Tages unser eigenes Kind im Magen eines Wolfes läge, würden wir unsere Naivität bedauern! Ob wir Kinder hätten, nein? Na, dann könnten wir ohnehin nicht mitreden.
Äh, Moment. Wieviele Kinder wurden eigentlich zuletzt von Wölfen gefressen? Auch da hilft die Statistik: Während der vergangenen 50 Jahre wurden europaweit neun Menschen durch Wölfe getötet - wobei die Wölfe in fünf von diesen neun Fällen mit Tollwut infiziert waren, zählt das dann überhaupt? Man kann also kaum von marodierenden Wolfshorden sprechen, die über den Kontinent ziehen und Kindergärten als All-you-can-eat-Restaurant auffassen. "Ja, aber die Schäfer leiden wirklich unter den Wölfen! Kleinhufer zählen zur Hauptnahrung der Tiere, das bestätigt auch die Statistik!" Da ist schon was dran: Die Wölfe in der Lausitz fressen zwischen vier und acht Kilo Fleisch am Tag, allerdings reißen sie hauptsächlich wildlebende Tiere, mehrheitlich Rehe. Haustiere sind auf diesem Speiseplan nur zu einem Prozent vertreten. Ja, ich weiß, es bringt nichts, Opfer gegeneinander aufzurechnen, jedes getötete Schaf ist eines zuviel, aber vielleicht sollte man trotzdem die Verhältnisse im Blick behalten: Die Mehrzahl der Schafe landet immer noch im Fleischwolf, auf dass man leckere Köfte aus ihnen mache.
Ich hingegen glaube, dass die abschreckende Hauseingangsbeschilderung und die herbeigeredete Wolfsbedrohung derselben geistigen Quelle entstammen: der Angst vor dem Osten. Der Einbrecher kommt aus dem Osten, aus Polen und Rumänien, er zertrampelt unsere Geranien und nimmt uns den Wohlstand weg. und der Wolf kommt ebenfalls aus dem Osten, aus Sibirien und Brandenburg, und er frisst unsere Schafe. Ja, beides kann vorkommen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich passiert, ist durchaus gering. Ist aber auch egal. Es war schön auf dem Land, und tatsächlich hätten wir gerne ein paar Wölfe gesehen. Sahen wir aber nicht.


