BYE BYE BRANGELINA
Schon bemerkt? Der Filmstar wurde abgeschafft, das Kino braucht ihn nicht mehr. Es setzt jetzt auf lukrativere Zugpferde - und zwar weltweit.
Von Volker Sievert
Denken Sie auch manchmal: Wo bleibt eigentlich die nächste Julia Roberts? Wo der neue Johnny Depp oder George Clooney? Ein Filmstar mit Charme, Strahlkraft, Millionen von Fans und eingebauter Filmhitgarantie, so einer, wie ihn das Kino seit 100 Jahren kennt? Nun, es wird sie erstmal nicht geben, diese neuen Stars, deren Markenzeichen ihr Lächeln, ihr Charisma, ihr Muskelbody ist und deretwegen man auch schlechtere Filme mehrfach guckt. Der Star ist tot. Schlechte Zeiten also für Autogrammjäger.
Der Grund für das vorläufige Ende des Starsystems liegt in der Globalisierung. Früher machte Hollywood den Großteil seines Umsatzes am heimischen Box Office, seit 2002 kehrt sich dieses Verhältnis um: 2014 kamen nur noch 40 Prozent der Einnahmen aus dem Inland, aber 60 Prozent aus Übersee, wie der Datenjournalist Konrad Lischka feststellte. China ist zum zweitgrößten Kinomarkt nach den USA aufgestiegen, auch Südkorea, Indien, Japan und Russland wachsen zügig. Bei diesen Verdienstmöglichkeiten und einem im Wachstum beschränkten heimischen Markt kann es Hollywood nicht riskieren, mit einem Filmstar als Zugpferd zu arbeiten, der zwar in Nordamerika und Europa die Massen ins Kino zieht, die vielen hundert Millionen Kinogänger in China aber weniger interessiert als den "Herr der Ringe"-Fan ein Martial-Arts-Streifen. Ebenso könnte sich Brad Pitt als ritterlicher Revolverheld im strahlend weißen Cowboyoutfit als Stummschaltung fürs Kassenklingeln in Asien erweisen - dort steht die Farbe Weiß nämlich für Trauer und Tod. Und da Sandra Bullocks Kampf als idealistische Anwältin gegen Polizeigewalt in Ferguson herzlich wenig mit den Lebenswelten der Menschen in Neu-Delhi und Moskau zu tun hat, dreht man so etwas halt kaum noch.
Wer aber kann diese Anforderungen der zahlungskräftigen globalen Kinokundschaft überhaupt noch erfüllen? Selbstverständlich Superhelden. Sie sind nicht an Ort, Zeit und Raum gebunden, sowieso in fiktiven Welten zu Hause, und ihre ewige Mission "Weltrettung" wird auf der ganzen Erde verstanden. Filmreihen und Franchises wie "Transformers", "Star Trek" oder "Star Wars", die Universen von Marvel und DC Comics - sie alle stehen für die Verschiebungen in der Filmwelt: Schauwerte ersetzen die Schauspieler, Figuren die Filmstars, die Marke den Menschen. Denn ob Iron-Man von Robert Downey Jr, Batman von Christian Bale oder Captain Kirk von Chris Pine (wem?) dargestellt wird, ist im Grunde egal - die Filme haben sich aufgrund globaler Verwertbarkeit von ihren Stars gänzlich abgetrennt, die berühmten Darsteller wurden von ihren Rollen als Projektionsfläche und Identifikation abgelöst. Vorteil: So sind die Stoffe unendlich reproduzierbarer, Sequel um Prequel, Neuauflage um Reboot, Remake um Spin-off. Längst sind "Mission: Impossible" ohne Tom Cruise und "Terminator" ohne Schwarzenegger absehbar, "Indiana Jones" ohne Harrison Ford ist schon geplant. Wenn Jedis mit Sith-Lords die Lichtschwerter kreuzen und 007 Schurken jagt - dann versteht man das überall, wahrscheinlich sogar auf dem Mars oder auf Tatooine. Das ermöglicht es Hollywood sogar, sich Ziele zu setzen, die an chinesische Fünfjahrespläne erinnern: Die Startdaten für die nächsten Teile umsatzstarker Filmsagen werden Jahre im Voraus verkündet - mit den kalkulierbaren weltweiten Erträgen stehen Umsatz und Profit von vornherein fest.
Mit dem Star wurden übrigens auch die Ideen begraben. Wer über 200 Millionen Dollar in einen Film investiert, der geht nicht das Risiko ein, mit einem originären und noch nicht auf monetäre Belastbarkeit stressgetesteten Projekt zu floppen. Der Investor dreht lieber einen weiteren effektegeladenen Blockbuster mit dem kleinsten globalen Nenner und bekannten Schauspielern als Lichtdoubles für ihre digitalen Klone. So müssen wir uns für die nächsten Filmjahre wohl erstmal mit unserer Video- und DVD-Sammlungen der Lieblingsfilme von Bruce Willis, Jodie Foster oder Mel Gibson und Friedrich Nietzsches Gedanken von der ewigen Wiederkunft des Gleichen begnügen.
Aber: Der Star ist tot - es lebe der Star! Denn wenn man vom amerikanischen Kino, das jede noch so gut verscharrte Franchise-Leiche ausgräbt und reanimiert, eins lernen kann, dann das: Kein Filmtod ist ewig, auch nicht der von Dutzenden berühmter und vergötterter Kinoberühmtheiten. Sie kommen sicher alle wieder, bald schon, in einem Kino in Ihrer Nähe in St. Petersburg, Bordeaux, Essen, Mexiko-Stadt und Seoul.
Fortsetzungen, Wiederauflagen und Neuverfilmungen im Kino:
"Mad Max: Fury Road", seit 14. 5.
"Poltergeist", ab 28. 5.
Jurassic World", ab 11. 6.
"Ted 2", ab 25. 6.
"Terminator: Genisys": ab 9. 7.


