SOUTHERN DISCOMFORT
Wer keinen Schonraum hat, muss erst mal danach suchen - um ihn dann wieder verlassen zu können. Und beim Postpunktrio Algiers hat sich da so einiges aufgestaut.
Interview: Carsten Schrader
uMag: James, Ryan, ihr lebt nun schon seit einigen Jahren in London und New York. Wie kommt es, dass ihr erst jetzt eure traumatische Jugend im Süden der USA aufarbeitet, indem ihr auf dem Debüt eurer Band Algiers Gospel, Soul und Blues mit Postpunk und Industrial kombiniert?
Franklin James Fisher: Wir hatten auch schon versucht, eine Band zu gründen, als wir alle noch in Atlanta gelebt haben. Es hat nicht funktioniert, weil wir den Abstand brauchten und dem von Tradition, Angst und Engstirnigkeit geprägten Lebensentwurf noch nichts entgegenzusetzen hatten. Erst als ich in New York in einer Blase gelebt habe, in der ich mir vorgaukeln konnte, dass Rassismus ein überkommenes Problem ist, hat es in mir zu arbeiten begonnen.
Ryan Mahan: Wir mussten erst mal entkommen. Natürlich haben wir alle vor Ort in der Punk- und Hardcoreszene rebelliert, aber das hilft bestenfalls, um die Gegenwart zu ertragen und durch die Tage zu kommen. In London bin ich monatelang zum Psychologen gegangen, um auch die positiven Aspekte meiner Vergangenheit zu erkennen. Der Süden hat mich zu einem politischen Menschen gemacht.
uMag: Ihr brauchtet eine alternative Komfortzone, um euch dann wieder rauszuwagen und die musikalischen Traditionen dekontextualisieren zu können?
Fisher: Wobei es schon theoretischer ist. Man darf sich unsere Jugend nicht so romantisiert vorstellen wie in "Vom Winde verweht". Unsere Vorstadt von Atlanta war auch nur ein gesichtsloser, anonymer Ort, der von Konsumkultur und Formatradio geprägt ist.
Mahan: Erst in London habe ich als Atheist verstanden, warum Gospel für James schon immer ein Schonraum gewesen ist, der für positive Energie und ein größeres Selbstwertgefühl steht. Plötzlich konnte ich die kollektive Kraft und den Punkspirit fühlen.


