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ÇA PLANE POUR MOI

Heute Zeichenspiel, morgen Rente, übermorgen Leidenschaft: Falk Schreiber plädiert für die Ehe.

In Irland gab es eine Volksabstimmung. Gefragt wurde, ob der streng katholisch geprägte Inselstaat die Ehe für alle einführen solle. Ein schwuler Freund sarkastelte darauf, dass er auch gerne mal gefragt werden wolle, ob Heteros heiraten dürften, kicherkicher, klar, hat er recht. Ich habe aber ein grundsätzliches Problem mit solch einem Vorgehen: Das Volk zu fragen, ob ein Menschenrecht gewährt werden solle, ist das tatsächlich der richtige Weg? Sind Volksbefragungen nicht eigentlich nur für Themen geeignet wie: Wollen wir olympische Spiele in Hamburg? (Kann man so oder so sehen.) Wollen wir, dass das Tempelhofer Feld zum öffentlichen Park wird? (Schon, oder?) Und nicht: Wollen wir die Todesstrafe wieder einführen? (Selbstverständlich nicht.) Oder: Wollen wir, dass zwei erwachsene Menschen einander heiraten dürfen? (Selbstverständlich.) So haben die Iren bei der Volksbefragung auch mehrheitlich geantwortet: selbstverständlich. Was für eine Frage.
Ich hingegen fand die Ehe viele Jahre lang doof. Ein Relikt von vorvorgestern, eine Domestizierung von Solidarität wie von Sexualität, Zementierung von Monogamie, Einhegung des Exzessiven, Grenzenlosen, ablehnenswert wie sonstwas. Und das sollte von rein heterosexuellen auf schwule und lesbische Beziehungen ausgedehnt werden? Gott bewahre!
Mittlerweile bin ich erwachsen und sehe das nicht mehr so verbissen: Ehe, meine Güte, warum nicht? Nach ein paar Jahren Leben hat man einfach festgestellt, dass es Ehen geben mag, die eben nicht auf Zwangsmonogamie und Unterdrückung eines Partners beruhen. Beispiel: Sonic Youth. Kim Gordon und Thurston Moore von der legendären New Yorker No-Wave-Band sind verheiratet - und wenn bei zwei so klugen, coolen, sexy Figuren die Ehe funktioniert, dann kann das doch kein so doofes Konzept sein. (Ja, ich weiß, dass Gordon und Moore mittlerweile geschieden sind, weil er mit einer Jüngeren rumknutschte und sie auf dieses Verhalten eher uncool reagierte. Egal: Das Großartige ist nur deswegen groß, weil es zwangsläufig scheitern muss.)
"Ça plane pour moi", "Läuft bei mir", einst coverten die ehemals coolen Sonic Youth den Siebziger-Hit des es noch nie coolen belgischen Pseudopunks Plastic Bertrand. Aber es läuft ja wirklich, sollen die Leute heiraten, sollen die Leute einander untreu sein, sollen sich die Leute scheiden lassen, alles gut, läuft. Ob die Iren das wirklich so gemeint haben, mit der Ehe für alle - Scheidung für alle? "Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht!", lästern die Konservativen, was ein gutes Wortspiel ist, aber auch stockreaktionär und leider nicht ganz falsch. Dieses "Wenn zwei Erwachsene in freier Entscheidung etwas miteinander machen und niemand gezwungen wird, dann darf man da nichts dagegen haben!" ist so okay wie langweilig, schlimmer noch: Ist das womöglich dieser Extremismus der Mitte, von dem man immer liest?
Nein. Denn Extremismus der Mitte ist es nur, wenn man die symbolische Aufladung des Themas ernst nimmt, wenn man das "Bis dass der Tod euch scheidet ..." tatsächlich als Bekenntnis lebenslanger Treue versteht und nicht als kreatives Spiel mit Zeichen. Das ginge aber auch ganz anders - man könnte die Ehe als Musik verstehen, als Komposition, zu der Misstöne gehören, falsche Fährten, kurzzeitig ehrlich empfundenes Pathos und süßlicher Camp. Das Wissen: Nichts ist für immer. Das Aufgehen in einer Leidenschaft, im vollen Bewusstsein, dass einem diese Leidenschaft nicht gut tun wird. In guten wie in schlechten Tagen, puh, ja, klar.
Ganz davon abgesehen, dass so triviale Sachen wie Auskunftsrecht im Krankenhaus, angepasstes Erbrecht und, das auch, Solidarität und gegenseitiges Füreinandereinstehen nicht per se verachtenswert sind. Wenn auch deutlich unsexier als das postmoderne Zeichenspiel, aber, hey, das Leben ist nicht alle Tage Sonntag, man muss auch mal ans Praktische denken. Und vielleicht ist die Ehe ja in letzter Konsequenz genau das: der Ort, an dem man sich problemlos vom Sparkassenangestellten in den glamourös schillernden Postmodernisten verwandeln kann und auch wieder zurück, heute Zeichenspiel, morgen Altersvorsorge, übermorgen Leidenschaft. Läuft.
Ich bin natürlich für die Ehe für alle. Die Ehe ist ein Spiel, und natürlich wäre es schön, wenn möglichst viele Leute Gelegenheit hätten, mitzuspielen. Nur falls jemand fragt.