WIR ARMEN SCHWEINE
Noah Baumbachs Film "Gefühlt Mitte Zwanzig" porträtiert: uns. Wie wir verzweifelt versuchen, im Coolnesswettstreit mitzuhalten.
Von Falk Schreiber
Kurz vor Schluss von Noah Baumbachs "Gefühlt Mitte Zwanzig" kommt ein Zeitungsinterview ins Bild. Der Nachwuchsregisseur Jamie wird da gefragt, ob er ein Hipster sei. Jamie wird gespielt von Adam Driver, dem so hassens- wie begehrenswerten Hallodri aus "Girls", und Driver spielt diesen Jamie so, wie er eigentlich alle seine Rollen spielt: ein bisschen linkisch, ein bisschen fies, als glamouröse Randfigur der Kulturszene, die jede Party aufwertet, ohne dass man genau sagen könnte, wie sie das eigentlich macht. Die Frage "Are you a hipster?" ist eine Frage, die eigentlich an Driver gerichtet ist, sie ist die zentrale Frage in "Gefühlt Mitte Zwanzig", sie ist die zentrale Frage unseres Lebens.
Wenn aber die Frage nach dem Hipstertum die wichtigste Frage ist, wie lautet dann die Antwort? So: "Ich habe ein bestimmtes Alter und trage enhe Jeans", antwortet Jamie. Außerdem hört er cheesy Siebziger-Softrock (ausschließlich auf Vinyl, aber ironisch). Und er führt eine Ehe mit Darby (Amanda Seyfried) (monogam, aber ebenso ironisch). Das macht das großstädtisch-coole Dasein aus: die richtigen Klamotten, das richtige Alter und ein Leben im ironischen Zitat. Was Jamie nicht ausmacht, ist sein Beruf: Als Regisseur ist er gerade mal besseres Mittelmaß.
Josh (Ben Stiller) hingegen hat sich tatsächlich einen Ruf erarbeitet. Als Dokumentarfilmer ist der Mitvierziger geschätzt, was bei Dokumentarfilmern heißt: Kollegen und Kritiker finden seine Arbeit gut, das breite Publikum hingegen nimmt ihn nicht wahr. Außerdem hat er einen Lehrstuhl an der Uni, so etwas zeigt Wertschätzung, macht aber natürlich nicht reich - Fördergelder für seine Filme muss er mühsam eintreiben, zumal er zu stolz ist, die Kontakte seines einflussreichen Schwiegervaters spielen zu lassen. Ein normales Künstlerschicksal also, das nur dadurch vom Alltag zur Tragikomödie wird, weil Josh irgendwann auf Jamie stößt und feststellt, dass künstlerische Integrität nicht alles ist, dass ihm etwas fehlt: Jugend, Arroganz, Hipness. Sex. Josh möchte sein wie Jamie. Und gibt das auch unumwunden zu - indem er den Lebensstil des 20 Jahre Jüngeren schamlos kopiert.
Das Blöde aber ist: Jamie hätte gar kein moralisches Problem damit, als Künstler ein bisschen mehr wie Josh zu sein. Anerkannter, erfolgreicher. Spießiger. Tatsächlich findet in der zweiten Hälfte von "Gefühlt Mitte Zwanzig" eine Art Rollentausch statt, der Ältere verhipstert (auf durchaus situationskomische Weise), der Jüngere strebt mit großen Schritten ins Establishment. Lächerlich sind beide irgendwie. Was diesen Text allerdings verändert: Plötzlich geht es nicht mehr um einen (nicht falsch verstehen, Mr. Baumbach: recht gelungenen) Kinofilm, plötzlich geht es darum, wie lächerlich man sich macht, wenn man versucht, ein fremdes Leben zu führen. Der eine, der ehrlich versucht, ein 25-jähriger Hipster zu sein, der ein lächerliches Hütchen trägt und sein Inneres auf peinlich esoterischen Sessions zu erforschen sucht. Der andere, der sich in der Pose des Unangepassten gefällt und der sich eifrig bemüht, das lächerliche Hütchen unauffällig abzunehmen, sobald ein Finanzier in Reichweite ist, der ihm die nächste Sprosse auf der Karriereleiter ermöglichen könnte. Arme Schweine sind das. Sind wir.
Ein Weile kann man sich vor dem Absturz in die Lächerlichkeit retten, klar. Indem man sich ironisch gibt. Jamie schafft das ganz gut, womöglich ist das sein einziges echtes Talent: Ironie. Nicht von ungefähr gerät er einmal in Streit mit Josh (naja, sofern ein Ironiker wirklich streiten kann), und zwar um die Haltung des Dokumentarfilmers. Der Ältere plädiert für Authentizität im Dokumentarfilm, für Ehrlichkeit, während der Jüngere auch mal bereit ist, die Ehrlichkeit zu dehnen. Sofern das Ergebnis gut aussieht.
Die engen Jeans, das Hütchen. Gutes Aussehen scheint von Bedeutung, aber tatsächlich ist gar nichts wichtig. Bloß nichts zu ernst nehmen: Man sollte Optik als Zitat verstehen und zwar als Zitat, das man gleichzeitig adaptiert wie ablehnt. Das funktioniert bei Mode, bei Kunst, bei Religion, beim Zusammenleben, man muss nur aufpassen, dass man nicht in einer ironischen Pose erstarrt. Und so sind wir im ständigen Stress, wir versuchen, alles richtig zu machen im Hipstertum, und wir versuchen gleichzeitig, unseren Eifer beim Richtigmachen hinter einer ironischen Schutzmauer zu verstecken, und schließlich versuchen wir auch noch, diese Schutzmauer irgendwie durchlässig zu gestalten.
Wir haben keine Chance.


