TAME, TAME, BUT DIFFERENT
Kevin Parker befreit sich vom Image des psychedelischen Freaks. Doch folgen ihm die Fans auch, wenn er mit Tame Impala geheime Vorlieben auslebt?
Interview: Carsten Schrader
uMag: Kevin, brauchte es für das dritte Tame-Impala-Album viel Mut?
Kevin Parker: Viel Mut und noch mehr blindes Selbstvertrauen. Ich glaube, ich halte mich mit jeder Platte weniger zurück. Wenn ich eine neue, aufregende Idee habe, will ich sie nicht mehr verwässern, sondern sie ausstellen. Das ist es, was Mut erfordert, denn es ist natürlich sehr viel leichter auszuhalten, neue Ideen in das gewohnte Soundsystem einzupassen und damit auch ein bisschen zu verstecken. Bevor die Platte zum Mastering ging, kamen die quälenden Fragen: Will ich das wirklich machen? Soll das so in die Welt?
uMag: Ist "Currents" dennoch von Spontaneität geprägt?
Parker: Wenn es keine impulsiven Entscheidungen gegeben hätte, wäre die Platte komplett uninteressant. Die Schönheit und Kraft von Musik entspringt für mich nicht aus großangelegten und tausendmal durchdachten Konzepten, sondern aus mutigen Momentaufnahmen, bei denen der Kopf noch gar nicht auswerten kann, was gerade geschieht.
uMag: Mit Einflüssen wie HipHop, dem Funk der 70er und Powerballaden aus den 80ern wirst du jetzt sicher viele Tame-Impala-Fans vor den Kopf stoßen ...
Parker: Als Musiker muss ich mich ständig diesem Zwiespalt stellen: Es gibt die Dinge, von denen man weiß, dass man sie tun sollte. Und dann gibt es Dinge, die man unbedingt ausprobieren will. Für mich ist das Musikerdasein immer dann interessant, wenn mir diese geheimen Vorlieben wichtiger sind als mein Image.
uMag: Fühltest du dich von der Wahrnehmung deiner Person eingeengt?
Parker: Auf jeden Fall. Natürlich ist "Lonerism" besser angekommen, als ich mir je hätte träumen lassen, aber ich hatte schon das Gefühl, dass die Platte nur einen kleinen Ausschnitt von dem repräsentiert, was ich machen will. Jetzt wollte ich einen anderen Sound und mich nicht auf diesen rückwärtsgewandten 70er-Psychedelic-Typen festlegen lassen.
uMag: Bei der Disconummer "The less I know the better" oder den schmonzigen Gitarren der Single "Cause I'm a Man" könnte man fast meinen, du wolltest die alten Psychedelic-Fans ganz bewusst provozieren.
Parker: Ich habe viel über Dogmen und No-Gos nachgedacht, und ich kann für mich auch nicht bestätigen, was neuerdings überall behauptet wird: dass wir das Zeitalter der guilty pleasures überwunden haben. Wann immer es mir Freude bereitet, einen Song aus den aktuellen Top 40 zu hören, fühle ich mich schlecht, weil ich dann nicht der Vorstellung von einem intellektuellen Musikhörer entspreche. Natürlich verschwimmt die Grenze, wenn irgendein allgemein akzeptierter Alternative-Held bestimmte Dinge per Zuneigungserklärung rehabilitiert, aber ganz grundsätzlich glaube ich, dass wir noch lange nicht so fortschrittlich sind, wie wir immer behaupten. Die Paradigmen haben sich vielleicht durch die ständige Verfügbarkeit von Musik verändert, aber nur weil die Dogmen verklausulierter sind, bedeutet das ja nicht, dass wir uns von ihnen befreit haben. Oft ist es nur Ironie, hinter der sich da versteckt wird - und das ist nun wirklich keine großartige Leistung oder ein wertvoller Befreiungsschlag.
uMag: Aber du gehst davon aus, dass die Tame-Impala-Fans aufgeschlossen sind und sich bemühen werden, dir zu folgen?
Parker: Bei "Currents" war meine Intention ja nicht, auch mal einen guten Daft-Punk-Song aufzunehmen oder extra ein Genre zu wählen, mit dem absolut niemand gerechnet hat. Unterhalb der ganzen Instrumente und Effekte liegen für mich Werte, die ich für mich hören und rausfiltern wollte, und natürlich gibt es da auch Verbindungen zu meinen älteren Platten.
uMag: Auch in den Texten thematisierst du den Mut zur Veränderung, kommst aber im letzten Song der Platte "New Person, same old Mistakes" zu einem eher zwiespältigen Fazit.
Parker: Der Song beschreibt einen finalen Kampf, in dem sich optimistische und pessimistische Gefühle gegenüberstehen. Man verändert sich zum Positiven, definiert sich als neuen Menschen, aber wenn man danach der Meinung ist, man habe einen Zustand erreicht, in dem man auf immer verharren könne - dann ist man einfach nur im Kreis gelaufen. Positiv ist ein Veränderungsprozess doch nur, wenn am Ende die Erkenntnis steht, dass man sich erneut verändern muss.
uMag: Mit dem ständigen Wandel erfüllst du aber auch die allgegenwärtigen Forderungen der durchkapitalisierten Gegenwart: Verändere dich selbst, sei flexibel und allzeit abrufbar.
Parker: Sich selbst festzulegen und keine Entwicklung mehr zu machen, kann nicht die Lösung sein, um die Forderungen des Kapitalismus zu unterlaufen. Ich glaube, wenn man den herrschenden Verhältnissen etwas entgegensetzen will, muss man immer bereit sein, Neues auszuprobieren, und den Mut haben, sich an unbekannte Orte zu begeben. Natürlich muss man darauf achten, dass Veränderungen nicht zum Selbstzweck werden, denn das ist es doch, worauf der Kapitalismus aus ist: dass man kein Problem mit Veränderungen hat, weil man eh an nichts mehr glaubt.
Checkbrief
NAME Kevin Parker
PROJEKTNAME Tame Impala
ALTER 29
GEBURTSORT Sydney
WOHNORT Perth
BANDMITGLIEDER Dominic Simper (Gitarre), Jay Watson (Keyboard), Cameron Avery (Bass), Julien Barbagello (Schlagzeug)
GENRES BISHER Psychedelic Pop, Psychedelic Rock, Neo-Psychedelic
GENRES JETZT Future Pop, Funk, Disco, 80er-Powerballaden
DURCHBRUCH Das zweite Tame-Impala-Album „Lonerism“ aus dem Jahr 2012 war in allen wichtigen Jahrescharts zu finden, wurde bei den ARIA Awards 2013 als Platte des Jahres ausgezeichnet und erhielt eine Grammy-Nominierung
KOLLABORATION Parker hat an drei Songs auf dem Album „Uptown Special“ von Mark Ronson mitgewirkt
COVERVERSIONEN spielte bei einer Radiosession „Prototype“ von Outkast, stellte letztes Jahr seine Interpretation von Michael Jacksons „Stranger in Moscow“ ins Netz
AKTUELLES ALBUM „Currents“ erscheint am 17. Juli
ANSPIELTIPPS „Let it happen“, „The less I know the better“, „Reality in Motion“, New Person, same old Mistakes“


