DIE STADT ALS BEUTE
Nach jahrelanger Klausur im Studio müssen die Maccabees erkennen: Der Preis für ein großes Album ist manchmal (zu) hoch.
Von Carsten Schrader
Wenn man an einer Platte immer wieder verzweifelt ist und diese am Ende erst ein Jahr später als geplant erscheint, kann man sich schon mal einen melodramatischen Titel gönnen. "Tatsächlich gibt es einige in der Band, für die ,Marks to prove it' in erster Linie die Wunden meint, die wir vom Entstehungsprozess davongetragen haben", stimmt Sänger Orlando Weeks zu und kann inzwischen wieder breit grinsen. "Ich als nicht ganz so stark zum Pathos neigendes Bandmitglied halte mich da eher an die Bedeutung, die ich auch dem Titelsong gegeben habe: dass wir in einer Zeit leben, in der wir die meisten Dinge nur noch tun, um hinterher vorzeigen zu können, dass wir sie gemacht haben."
Die Selbstzerfleischung an sich will Weeks aber gar nicht leugnen. Verantwortlich war dafür weniger der Erwartungsdruck, der von außen kam: Immerhin schaffte es das letzte Maccabees-Album "Given to the Wild" bis auf Platz vier der britischen Albumcharts, wurde vergoldet und heimste auch noch eine Nominierung für den renommierten Mercury Prize ein. Zum Verhängnis wurde dem Londoner Quintett vielmehr der eigene Anspruch, sich nicht zu wiederholen und eine innovative Setzung zu machen, mit der sie sich möglichst weit vom Vorgänger entfernen. "Die letzte Platte hat uns zu viele Freiheiten gegeben", fasst er das vermeintliche Luxusproblem zusammen. "Wir hatten bewiesen, dass wir eine Platte machen können, die den üblichen Bandrahmen sprengt, wodurch wir jetzt unendlich viele Wahlmöglichkeiten hatten - und fünf Typen, die alle in unterschiedliche Richtungen gehen wollten."
Am Ende war die Lösung recht banal: Während andere Bands das Innovationsloch mit einer Reise in die USA oder einem Häuschen irgendwo im Nirgendwo gestopft hätten, fassten die Maccabees den Entschluss, ihre alltägliche Umgebung einfach nicht zu verlassen. Weil sie es auch können: Das eigene Studio ist fußläufig für jedes Bandmitglied erreichbar, und ihr Südlondoner Viertel Elephant and Castle warf genug ab, was sich in den Texten zu verhandeln lohnte. Schon bald waren sie sogar in den Straßen um ihr Studio unterwegs, um Field Recordings aufzunehmen. "Es hat bei der Entscheidung keine Rolle gespielt, aber so ist die neue Platte dann eben doch das komplette Gegenstück zum Vorgänger geworden", bilanziert Weeks sichtlich erfreut. "Während ,Given to the Wild' eher eine Landschaft beschreibt, über der die Sonne scheint, spielt die neue Platte bei Nacht in der Großstadt. Statt um Surrealistisches und verkopfte Ideen geht es jetzt um Menschen und ihre Geschichten.
Ein bisschen klingt "Marks to prove it", als hätten die Maccabees die Stärken ihrer bisherigen drei Alben zusammengeführt. Eine Verortung, die Gitarrist Felix White ganz und gar nicht missfällt. "Das deckt sich mit meinem Gefühl, zum allerersten Mal wirklich eine klare Vorstellung davon zu haben, wer wir eigentlich sind, und rückblickend auch die älteren Platten mit all ihren Schlenkern für mich Sinn ergeben." Zumal sie auch mit dem veredelnden Fazit noch mutig Neuland betreten: Ein Song wie "Ribbon Road" gewinnt gerade dadurch, dass sie ihm ungewöhnlich viel Raum geben und vermeintlich unentschlossen vor sich hin dängeln lassen, während sie "Pioneering Systems" so klar strukturieren, dass es zur Umsetzung eigentlich nur ein Klavier braucht.
Eigentlich haben sie alles richtig gemacht - und doch ist da eine große Wehmut, wenn sie ihr endlich fertiges, bisher bestes Album hören. "Elephant and Castle liegt zwischen zwei riesigen Einkaufszentren, und als wir mit den Aufnahmen angefangen haben, war unser Viertel noch eine Insel, die von der Säuberung des Stadtbildes verschont wurde", erinnert sich Weeks und erzählt, wie sich nicht nur das direkte Studioumfeld verändert hat, sondern ganze Arbeiterviertel mit rasender Geschwindigkeit ausradiert werden und viele seiner Freunde mittlerweile weggezogen sind, weil sie es sich nicht mehr leisten können, in London zu leben. "Vor ein paar Tagen habe ich ein Interview mit dem Regisseur Ken Loach gesehen, der die Frage gestellt hat, warum alle nur mit den Schultern zucken, statt auf die Straße zu gehen - und da habe ich mich schuldig gefühlt, weil es eigentlich nicht reicht, dass wir nur dokumentiert haben", sagt er. Und ist damit doch bei einer melodramatischen Bedeutung des Albumtitels angekommen.
Checkbrief
NAME The Maccabees
BANDMITGLIEDER Orlando Weeks (Gesang), Felix White (Gesang, Gitarre), Hugo White (Gitarre), Rupert Jarvis (Bass), Sam Doyle (Schlagzeug)
ORT London
GENRE Indierock
GRÜNDUNG 2004
CHARAKTERISTISCHE TEXTZEILE VOM DEBÜT „Latchmere’s got a wave machine“
CHARAKTERISTISCHE TEXTZEILE VOM AKTUELLEN ALBUM „And when the river froze solid you’re still swimming upstream, you’d hold your own in the presence of pauper and a king“
AKTUELLES ALBUM „Marks to prove it“ erscheint am 31. Juli
ANSPIELTIPPS „Marks to prove it“, „Kamakura“, „Ribbon Road“, „Spit it out“
LIVE 21. 8. Berlin, Heimathafen Neukölln


