DER UMWEG IST DAS ZIEL
Ryan Lott von Son Lux hat sich beim neuen Album einer spannenden Frage gestellt: Wie produktiv ist eigentlich das Nicht-mehr-weiter-Wissen?
Interview: Lasse Nehren
uMag: Ryan, zu sehen, wie du im vergangenen Jahr deine 2013er-Platte "Lanterns" auf die Bühne gebracht hast, war, gelinde gesprochen, überraschend: Statt nur dir, standen plötzlich drei Leute auf der Bühne, und die instrumentalschwere Inszenierung hatte so gar nichts mehr von früheren, eher introvertierten Son-Lux-Shows ...
Ryan Lott: Ich hatte mich auf der Bühne immer gefühlt, als würde ich in einer anderen Haut stecken - das hat sich letztes Jahr geändert. Vor allem aufgrund der einzigartigen Chemie, die ich innerhalb dieser neuen Band gefunden habe. Auf einmal habe ich Freude, Leichtigkeit und eine gewisse Kraft im Performen entdeckt, die ich vorher noch nie erlebt hatte. Dass ich tatsächlich ein Performer bin, war wohl die größte Offenbarung dieser Tour.
uMag: Hört man nun euer neues Album "Bones", gewinnt man den Eindruck, dass das Moment des Performens und des Jammens nicht nur die Liveumsetzung vorhandenen Materials geprägt, sondern auch auf die Entstehung der neuen Songs rückgewirkt hat.
Lott: Das stimmt: beides hängt zusammen. Es gibt da eine Balance, die ziemlich aufregend ist. Vor dieser Tour hat mir das Performen keine Antriebskraft fürs Musikmachen gegeben, sondern sie mir geraubt - jetzt gibt es eine wechselwirkende Energie. Theoretisch betrachtet, ist das sehr interessant: Wir nehmen das, was ursprünglich Resultat eines flüchtigen Moments war, drehen und wenden es und machen es zu einem Strukturelement. So kann man einen Song machen, der architektonisch und kompositorisch sehr kopflastig ist, und dennoch ein Gefühl für dessen Energie bewahren.
uMag: Es wirkt regelrecht, als hättet ihr versucht, die Ungewissheit spürbar zu machen, die ihr selbst im Entstehungsprozess von Songs erlebt. Ë la: Wo führt dieser Song hin?
Lott: Ja, absolut. Überraschungen sind ein wichtiger Aspekt in der Musik und für mich sehr inspirierend. Wenn man tatsächlich mal überrascht wird, ist das eine intensive und dankbare Erfahrung - das wird man aber nur selten, und es ist ziemlich schwierig, das selbst bewusst herbeizuführen. Unsere Hirne sind so konzipiert, dass sie uns mit wunderbaren chemischen Reaktionen belohnen, wenn eine Erwartung bedient wird. Wenn man als Musiker allerdings beschließt, mit Erwartungen zu brechen und stattdessen zu überraschen, dann muss die Überraschung gut genug sein, um die ausbleibende Belohnungsreaktion zu kompensieren. Man muss ein Gefühl erschaffen, das den Hörer denken lässt: Wow, das habe ich nicht erwartet - aber ich bin froh, dass es da ist. Es ist ziemlich komplex. Ich versuche immer, das Gefühl, nicht zu wissen, was als Nächstes kommt, aufrechtzuerhalten. Nicht nur von einem zum nächsten, sondern auch innerhalb eines Songs.
uMag: Da stellt sich dann ja die Frage, inwieweit ein Song, den man auf Platte hört, tatsächlich fertig ist - oder ob diese Form gar nur ein Zwischenschritt in einem anhaltenden Prozess ist ...
Lott: Ich finde es wichtig, unter dem Leitprinzip zu arbeiten, dass ein Album und eine Live-Show zwei ganz unterschiedliche Dinge sind, und es ist entscheidend, nicht von vornherein an einer Sache zu arbeiten, die beiden Ansprüchen genügen soll. Natürlich basieren alle live gespielten Songs auf den Albumversionen, ich glaube aber, dass jeder Song mehrere Leben hat.
uMag: Gerade arbeitest du am Soundtrack zum Film "Paper Towns" - reizt dich an solchen Arbeiten, zur Abwechslung mal mit thematischen Vorgaben umgehen zu müssen?
Lott: Ja, diese Beschränkungen von außen gefallen mir: Beschränkungen können etwas sehr Gutes sein, wenn sie dich dazu zwingen, Entscheidungen zu treffen, die nicht deinen normalen Verhaltensmustern und Erwartungen entsprechen. Als würdest du eine Blockade auf einer Hauptstraße aufstellen, so dass du gezwungen wirst, die umliegenden Straßen zu erkunden.


