Foto  - NA PRIMA, PRIMAVERA!
Foto: Shervin Lainez

NA PRIMA, PRIMAVERA!

Die Katalanen veranstalten in Barcelona das vermutlich weltschönste Festival - und haben uns dadurch vier wichtige Erkenntnisse übers Musikjahr 2015 voraus.

Von Carsten Schrader

The Julie Ruin (Foto)
"Altsein ist cool", skandiert Kathleen Hanna. "Ich bin 46 und immer noch Punk, das hört nicht mit 30 auf." Ach ja, Bikini Kill und auch Le Tigre sind zwar Geschichte, aber mit The Julie Ruin hat die Protagonistin der Riot-Grrrl-Bewegung längst eine neue Band. Hierzulande ist das leider ein bisschen untergegangen, denn kaum war das Debüt "Run fast" veröffentlicht, musste Hanna wegen ihrer Erkrankung an Lyme-Borreliose alle Aktivitäten absagen - auch die für letztes Jahr geplante Deutschlandtour. Inzwischen geht es ihr wieder besser, und die Ansagen beim Primavera belegen, dass sie auch den politischen Kampf wieder aufgenommen hat. Hanna weist auf das Ladyfest hin, das 2016 in Barcelona stattfindet, und macht auch in schweren Zeiten Mut: "Fuck, wir haben 2015 und einiges hat sich zum Schlechten verändert, aber wir können immer noch diskutieren und uns weigern, gewisse Sachen mitzumachen." Übrigens wird zumindest das Berlin-Konzert am 10. August im Lido nachgeholt.




Kelela
Über niemanden wird derzeit aufgeregter diskutiert als über Kelela Mizanekristos. Nachdem die Tochter äthiopischer Einwanderer von Washington nach L.A. gezogen war, lernte sie die Protagonisten des derzeit wohl angesagtesten Labels Fade To Mind kennen, und auf dem Mixtape "Cut 4 me" veredelt sie Instrumentals von Ezra Rubin, Jam City, Girl Unit und Nguzunguzu mit ihrem Gesang. Kollaborationen mit Teengirl Fantasy, Kingdom und Daedelus festigten den Status der eigentlich aus dem Jazz stammenden Sängerin, die erst spät für Clubmusik entflammt ist. Beim Primavera stellt Kelela auch die Songs ihrer demnächst erscheinenden Debüt-EP "Hallucinogen" vor, die stärker in der Tradition von R'n'B steht. Wer will, kann sie durchaus mit Diana Ross oder Janet Jackson vergleichen - nur wären die beiden eben nie so entspannt gewesen, um das Publikum aufzufordern, sich einen Joint anzuzünden. Ach ja, auf der Produzentenliste von "Hallucinogen" steht - natürlich - auch der venezolanische Überflieger Arca.




Pharmakon
Es war mit Sicherheit einer der schönsten Momente des Festivals: das kollektive Zusammenzucken des Publikums, als Margaret Chardiot alias Pharmakon gleich mit ihrem Erscheinen auf der Bühne eine beachtlich große Metallplatte auf den Boden pfefferte. Perfume Genius, der kurz vor ihr auf der Bühne nebenan aufgetreten war, twitterte noch am Tag darauf: "Can still feel Pharmakon's set from last night in my body." Natürlich ist es nicht verwunderlich, dass die beiden Alben der 24-jährigen New Yorkerin bei uns nur wenig Resonanz gefunden haben: Chardiot macht Genremusik, und Genremusik meint Noise, Schreie, kaum zu ertragende Verfremdungen der Stimme und schrecklich disharmonische Klangcollagen, die sie mit Effektgeräten und Sequencern - ähem - veredelt. Vielleicht ist ein Festival dafür nicht der ideale Ort, was die in Scharen flüchtenden Zuschauer auf dem Primavera belegen, doch ihre Texte voll zerstörender Bilder von Sexualität und psychologischer Gewalt sind genauso eine nähere Betrachtung wert wie ihr Ethos, nach dem Kunst nicht als Entertainment verenden dürfe.




DIIV
Ist von DIIV die Rede, geht es leider viel zu selten um die Musik. Natürlich sind bei der Band um Exzessmonster Zachary Cole Smith die Vergleiche mit Kurt Cobain und Nirvana nicht ganz von der Hand zu weisen, zumal er mit Popsternchen Sky Ferreira ebenfalls eine Promifreundin hat. Das Gerede im Vorfeld des Primavera war jedenfalls groß, nachdem die Band von der Festivalseite zunächst für den falschen Tag angekündigt worden war: Kommen sie überhaupt, oder wird das nach 2013 die zweite Absage? Sie kamen, und wenn alles gut läuft, wird gen Herbst dann auch endlich das schon so lange angekündigte zweite Album namens "Is the Is are" erscheinen. Die neuen Songs sind jedenfalls mehr als vielversprechend und können es sogar mit Klassikern wie "Sometimes" und "Human" aufnehmen. Da wurde im Publikum auch nur vereinzelt über Bassist Devin Ruben Perez diskutiert, der vor Kurzem unangenehm aufgefallen war, weil er rassistische und homophobe Kommentare in einem Internetforum gepostet hatte.




PRIMAVERA SOUND
Das Festival findet seit 15 Jahren Ende Mai beziehungsweise Anfang Juni in Barcelona statt. Nachdem die ersten Ausgaben noch auf dem Gelände des Architekturmuseums Poble Espanyol stattfanden, zog man im Jahr 2005 in den Parc del Fórum direkt an der Mittelmeerküste um. Mit fast 200 000 Besuchern und mehr als 200 Künstlern kann man sich durchaus mit Giganten wie Glastonbury, Roskilde oder Rock am Ring messen, doch achtet man beim Primavera trotzdem auf ein qualitativ hochwertiges Line-up. In enger Zusammenarbeit mit Pitchfork und All Tomorrow's Parties aus London zaubert man alljährlich ein Programm, das Helden der 90er mit aktuell angesagten Acts der Indieszene und spannenden Newcomern aus so unterschiedlichen Bereichen wie Noise, Elektro, Indierock oder experimentellem HipHop mischt. Seit 2012 findet am Wochenende nach Barcelona mit dem NOS Primavera Sound ein etwas kleinerer Ableger in Porto statt. 2015 spielten unter anderem Ride, The Strokes, Sleater-Kinney, Alt-J, Patti Smith, Antony Hegarty, Interpol, James Blake, Perfume Genius und Tyler, The Creator beim Primavera.

www.primaverasound.es