Foto The Maccabees - RADIKALE OHNMACHT
Foto: Pooneh Ghanaweb
> The Maccabees

RADIKALE OHNMACHT

Wenn Orlando Weeks das neue Album seiner Band The Maccabees hört, wird er geplagt - vom schlechten Gewissen.

Interview: Carsten Schrader

Orlando, habt ihr eurem neuen Album den melodramatischen Titel "Marks to prove it" gegeben, weil ihr ein Jahr länger als geplant mit den Aufnahmen beschäftigt wart?
Orlando Weeks: Tatsächlich gibt es einige in der Band, für die der Titel in erster Linie die Wunden meint, die wir vom Entstehungsprozess davongetragen haben. Ich neige nicht ganz so stark zum Pathos und halte mich da eher an die Bedeutung, die ich auch dem Titelsong gegeben habe: dass wir in einer Zeit leben, in der wir die meisten Dinge nur noch tun, um hinterher vorzeigen zu können, dass wir sie gemacht haben.

Habt ihr euch selbst unter Druck gesetzt, weil der Vorgänger so erfolgreich war und sogar eine Nominierung für den renommierten Mercury Prize einheimsen konnte?
Weeks: "Given to the Wild" hat uns zu viele Freiheiten gegeben. Wir hatten bewiesen, dass wir eine Platte machen können, die den üblichen Bandrahmen sprengt, wodurch wir jetzt unendlich viele Wahlmöglichkeiten hatten - und fünf Typen, die alle in unterschiedliche Richtungen gehen wollten. Am Ende ist die neue Platte das komplette Gegenstück zum Vorgänger geworden. Während "Given to the Wild" eher eine Landschaft beschreibt, über der die Sonne scheint, spielt "Marks to prove it" bei Nacht in der Großstadt. Statt um Surrealismus und verkopfte Ideen geht es jetzt um Menschen und ihre Geschichten.

Trotzdem klingt die neue Platte, als hättet ihr die Stärken eurer bisherigen drei Veröffentlichungen zusammengeführt ...
Weeks: Stimmt, aber das war nicht der Plan, sondern ein glücklicher Zufall. Zum ersten Mal war es nicht so, dass es uns ausschließlich darum ging, uns möglichst weit von dem zu entfernen, was zuvor war. Das Album ist eine Rückversicherung, die wir in dieser Phase sehr nötig hatten: Das macht die Maccabees aus, das definiert ihren Charakter, und all die Schlenker waren wichtig und ergeben Sinn. Wir haben das erst bemerkt, als es darum ging, die neuen Songs ins Liveset zu integrieren. Kontexte taten sich auf, es ergaben sich Verbindungen zu alten Songs. Zu "Latchmere" vom ersten Album hatte ich beispielsweise den Bezug verloren und wollte den Song bei Konzerten nicht mehr spielen. Doch jetzt erstrahlt er für mich in einem neuen Glanz.

... ein Effekt davon, dass ihr euch mit der neuen Platte auf euer lokales Umfeld konzentriert, Geschichten aus der Nachbarschaft erzählt und sogar Außenaufnahmen in der Umgebung eures Südlondoner Studios durchgeführt habt?
Weeks: Bestimmt, gleichzeitig haben wir so aber auch eine sehr traurige Entwicklung festgehalten. In London ist die Gentrifizierung besonders radikal. Unser Studio liegt zwischen zwei riesigen Einkaufszentren. Als wir mit den Aufnahmen anfingen, war unser Viertel noch eine Insel, die von der Säuberung des Stadtbildes verschont wurde. Viele unserer Freunde können es sich nicht mehr leisten, in London zu leben, und müssen wegziehen. Wenn ich die neue Platte höre, wird mir bewusst, mit welcher Geschwindigkeit sich unser Zuhause verändert, und ich weiß gar nicht so genau, was meine Rolle dabei ist: Bin ich ein Teil des Problems, oder bin ich ein Teil der Lösung?

Hast du keine Hoffnung, dass sich Widerstand formiert?
Weeks: Wir sehen mit an, wie sich ein Ort selbst auffrisst, sind aber zu kaum mehr als einer ohnmächtigen Reaktion fähig. Wir ziehen weiter und suchen nach neuen Orten, vermutlich in den Vororten. Für unsere Generation ist vermutlich schon kennzeichnend, dass wir nur noch mit der Schulter zucken und uns der Macht gar nicht mehr bewusst ist, die wir haben könnten, wenn wir alle auf die Straße gingen. Vor ein paar Tagen habe ich ein Interview mit dem Regisseur Ken Loach gesehen, der genau die Frage gestellt hat, warum wir in diese Schockstarre fallen - und da habe ich mich schuldig gefühlt, weil es ja eigentlich nicht reicht, dass wir nur dokumentiert haben.


"Marks to prove it" erscheint am am 31. Juli.