Das letzte Tabu

Mit dem sehr persönlichen Album „There will be no Intermission“ verarbeitet Amanda Palmer die Krisen der letzten Jahre – und ein Thema, an dem sie sich seit 25 Jahren die Zähne ausgebissen hat.

„Ehrlich gesagt bin ich lange Zeit davon ausgegangen, kein weiteres Album mehr zu veröffentlichen, da das im Streaming-Zeitalter ja eigentlich eine überkommene Form ist“, sagt Amanda Palmer und bezieht da auch mit ein, dass das Schreiben neuer Songs seit der im Jahr 2012 durch eine Kickstarter-Offensive veröffentlichte Platte „Theatre is evil“ eine eher untergeordnete Rolle in ihrem Leben gespielt hat. „Direkt nach der Veröffentlichung ist mein bester Freund an Krebs erkrankt, ich wurde im Netz wegen der Finanzierung meiner Projekte angegriffen, habe ein Buch geschrieben, hatte eine Abtreibung, eine Fehlgeburt und bin Mutter geworden – da wirft man sich eher ins Leben und versucht irgendwie klarzukommen, statt in vorstrukturierten Albenkonzepten zu denken und zu planen.“ Songschreiben war vor allem eine therapeutische Maßnahme, um all die Schicksalsschläge zu verarbeiten. Waren bei den Dresden Dolls und all ihren anderen Projekten die Inhalte stets verschlüsselter und mit einem Konzept verwoben, sammelten sich im Laufe der Zeit immer mehr dieser sehr offenen und persönlichen Songs an, und plötzlich war es Palmer auch ein politisches Bedürfnis, sie eben doch in der althergebrachten Form mit der Welt zu teilen. „Die #MeToo-Debatte in den USA hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, sich als Frau verletzlich zu machen, um all diese Erfahrungen ganz offen und ehrlich zu diskutieren.“

 

 

Geholfen hat Palmer, dass sie über die Crowdfunding-Plattform Patreon komplett unabhängig von der Musikindustrie ist und „There will be no Intermission“ allein durch ihre 15.000 Unterstützer finanzieren konnte. Mit Produzent John Congleton hat sie die sehr reduzierten, oft nur mit Piano und Ukulele orchestrierten Stücke der letzten Jahre eingespielt – und am Ende war dann doch wieder die diszipliniert arbeitende Songwriterin gefragt, um das Album rund zu bekommen: Für die Stücke „The Ride“ und „Drowning in the Sound“ hat sie sich vom Erfahrungsaustausch innerhalb ihrer Fan-Community inspirieren lassen, um mit Themen wie der Klimakatastrophe, Hasskommentaren im Netz und Taylor Swift eine Kartografie unserer Gegenwart zu erstellen. Und schließlich ist da mit „Voicemail for Jill“ noch ein weiterer Song. „Seit ich mit der Musik angefangen habe, bin ich daran verzweifelt, einen Song zu schreiben, in dem es um Abtreibung geht. Wie soll man über dieses Thema schreiben, ohne dass es plump oder belehrend rüberkommt?“ Der Umschwung kam, als sie 2018 nach Dublin gereist ist, um die Aufhebung des Abtreibungsverbots in Irland zu feiern. „Plötzlich wurde mir klar, dass es nur über einen sehr konkreten Austausch zweier betroffener Frauen funktionieren kann“, sagt sie und ist zu recht stolz. „Voicemail for Jill“ ist nicht nur der Höhepunkt eines sehr ergreifenden Albums, das bei aller Direktheit nie in Larmoyanz oder ausgestellter Privatheit abgleitet. Der Song schließt auch eine äußerst unangenehme Lücke in der Musikgeschichte.

 

Amanda Palmer • Album

Künstler: Amanda Palmer
Titel: There will be no Intermission
Label: Cooking Vinyl
VÖ: 08.03.2019

Leseempfehlungen

Hayden Thorpe: Hayden Thorpe: Zwei Beerdigungen und kein Todesfall

Haelos: Haelos: Das Prinzip Resthoffnung