Contemporary Music

Ausgebrochen!

Auf ihrem dritten Album „Hunter“ zeigt Anna Calvi sich einmal mehr als eine der wichtigsten Musikerinnen ihrer Generation – und nicht nur das.

Eine Französin ist schuld. Anna Calvi lächelt versonnen, wenn sie über ihre neue Freundin spricht, die, nun ja, sehr französisch sei. „Sie hat mir geholfen, mich freier zu fühlen, sinnlich und lustvoll zu sein. Das macht mich nicht nur glücklicher, sondern auch stärker, und diese Stärke gibt mir das Selbstvertrauen, mich verletzlich zu zeigen“, sagt die britische Musikerin und verweist auf die Explizitheit ihres neuen Albums. „Hunter“ ist ein klassisches Anna-Calvi-Album: düsterer Pop mit starken Gitarrenspuren, befeuert von Calvis dramatischem Gesang. Das geht ohnehin schon unter die Haut, aber Zeilen wie „I dressed myself in leather with flowers in my hair“ oder „The lights are on, the TV’s on, my body is still on“ erotisieren die Songs zusätzlich. „Es geht darum, an einen Ort zu gelangen, an dem du dich von all der Scham und Unsicherheit befreit und dir erlaubt hast, diese Person zu sein, die ihre Sexualität lebt und Verletzlichkeit in Stärke verwandelt“, führt Calvi die Intention hinter „Hunter“ weiter aus. Sie will keine andere Person sein, sondern eine authentischere. Zu dieser Offenheit zu gelangen, ist ein langer Weg für die 38-Jährige gewesen.

Als Kind muss Calvi in Folge mehrerer Hüftoperationen monatelang im Krankenhaus liegen; schon damals ist die Musik ihre Zuflucht. Später studiert sie in Southampton Geige und Gitarre und beginnt erst mit 25, auch ihre Stimme auszubilden, autodidaktisch. Bill Ryder-Jones und Brian Eno entdecken die Musikerin schließlich und empfehlen sie für einen Plattenvertrag – als Supportact für Nick Cave und Arctic Monkeys erspielt die Musikerin sich erste Fans, bevor 2011 mit „Anna Calvi“ ihr Debütalbum erscheint.

Trotz ihrer Erfolge kämpft Calvi mit ganz anderen Problemen: „Ich habe mich nie damit wohlgefühlt, eine Frau zu sein“, erzählt sie und berichtet, welche Probleme ihr die Adoleszenz gemacht hat. „Dieser interne Dialog, den du erfährst, wenn du als Frau heranwächst: der eigenen Lust gewahr zu werden oder sie zu leugnen, die Veränderungen des Körpers, Hüfte und Brüste zu bekommen, alles, was ureigentlich weiblich ist. Ich fand das furchtbar und habe mich immer dagegen gewehrt.“

„Ich hasse es, wenn männlich als stark und weiblich als soft definiert wird!“

Entsprechend queer entwickelt sich Calvis Musik – stark, maskulin, unbeirrbar und gefährlich muten ihre ersten beiden Alben an. Wer Calvi auf der Bühne sieht, erlebt noch mehr davon: Furios und virtuos beherrscht sie das Setting. Trifft man sie persönlich, begegnet man einer schüchtern wirkenden Frau, deren Händedruck zu Zeiten ihres Debütalbums eher kraftlos wirkte. Auch das hat sich geändert. Calvi taut im Gespräch zusehends auf und vertritt ihre Standpunkte unverhohlen. „Ich hasse es, wenn männlich als stark und weiblich als soft definiert wird“, ereifert sie sich, „das wertet alle Errungenschaften von Frauen ab. Denn was kann – abgesehen vom Tod – intensiver und beängstigender für den menschlichen Körper sein, als Leben zu gebären? Und das machen Frauen seit Jahrtausenden – dieses sogenannte schwache Geschlecht.“

Überhaupt will Calvi Geschlecht nicht kategorisieren: „Wenn ich Gender nicht als feste Zuschreibung verstehe, sondern als ein Spektrum an Sexualität, innerhalb dessen du wählen kannst, womit du dich wohlfühlst, dann kann ich mich damit arrangieren, eine Frau zu sein, ja, sogar, mich darin wohlfühlen“, sagt sie. Denn dann, fügt sie hinzu, könne sie sich als Frau verstehen, die starke männliche Elemente in sich trägt.

Eine Textzeile wie „Don’t beat the girl out of my boy“ stützt diese Vorstellung ebenso wie „I’ll be the boy you’ll be the girl I’ll be the girl you’ll be the boy“ – Calvi entledigt sich immer wieder jeglicher Zuschreibung.

Wer keinen Bock auf das Hinterfragen von Geschlechteridentitäten hat, auf feministische Ermächtigung und die Auseinandersetzung auch mit der eigenen Sexualität, kann „Hunter“ als Album durchaus genießen – denn nach wie vor ist da dieser rauschhafte, ekstatische Sound, der Calvi zu einer der wichtigsten Musikerinnen ihrer Generation macht. Wer mehr will, dem offenbaren sich Songs, die nicht nur Calvis persönlicher Befreiungsschlag sind, sondern eine Botschaft haben, die uns alle betrifft: „Wenn wir aufhören, etwas als männlich oder weiblich bezeichnen, dann können sehr viele Menschen sich je nach Laune und Tagesform entfalten.“ Voilà!

Anna Calvi • Album

Künstler: Anna Calvi
Titel: Hunter
Label: Domino
VÖ: 31.08.2018

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