Kann das weg?

Von bombastischen Pophymnen hatte Sascha Ring nach Moderat erst mal genug. Trotzdem musste er mit Apparat zunächst groß auffahren – und dann aufräumen.

uMagazine: Sascha, du hast zuletzt über mehrere Jahre zusammen mit Modeselektor als Moderat gearbeitet. Die Modeselektor-Jungs hatten eine Identitätskrise und mussten sich ziemlich abmühen, um wieder in ihr angestammtes Projekt reinzukommen. Wie lief deine Rückbesinnung auf Apparat?

Sascha Ring: Eigentlich bin ich ja immer glücklich, wenn ich gezwungen bin, mich wieder ein bisschen selbst zu finden und etwas zu verändern. Trotzdem habe ich immer wieder eine Identitätskrise, wenn ich ein Projekt beende und in das andere einsteigen muss. Es ist jetzt nur schon so oft passiert, dass ich darauf gefasst bin und es mich nicht mehr komplett aus der Bahn wirft.

uMagazine: Du wusstest zumindest, dass dein Bedarf an großgestigen Pophymnen durch Moderat erst mal gestillt war.

Sascha Ring: Das Ende von Moderat war ja quasi auch der Höhepunkt. Im letzten Jahr haben wir fast nur Festivals gespielt, während wir das vorher rausgeschoben und vor allem Clubgigs gemacht hatten. Aus so einer Phase gehst du dann schon raus und denkst: Jetzt hatte ich wirklich ein Jahr lang Größenwahn. Das befreit dich von dem Drang, da jetzt noch mal etwas so Pompöses auf die Beine zu stellen.

uMagazine: „LP5“ als kleine Platte zu bezeichnen, ist aber trotzdem ein ziemliches Understatement.

Sascha Ring: Für meine Verhältnisse ist es eine kleine Platte. (lacht) Es geht da jetzt nicht nur um den epischen Charakter, sondern auch um diese Klanggewalt. Es ist einfach ein bisschen weniger los auf der Platte. Sie ist zumindest aufgeräumter.

 

 

uMagazine: War denn dein Ausgangspunkt die letzte reguläre Apparat-Platte „The Devil’s Walk“ aus dem Jahr 2011?

Sascha Ring: Gar nicht so unbedingt, eigentlich versuche ich immer, mich aus der größtmöglichen Entfernung an ein neues Projekt anzunähern. In diesem Fall hat das bedeutet, dass ich relativ bald nach Moderat mit einer kompletten Band ins Studio gegangen bin und einfach nur rumgejammt habe. Das war eine Arbeitsweise, die mir bis dahin komplett fremd gewesen ist, und der Ertrag war zunächst auch eher schwierig. Aber dann fängt man eben wieder an, kleinere Schritte zu machen.

uMagazine: Das Spannende an der neuen Platte ist, dass man vieles hört, was eigentlich gar nicht mehr da ist. Du musstest groß auffahren, um dann am Ende klein zu klingen, oder?

Sascha Ring: Es gab Tage, an denen wir ins Studio gegangen sind und Material angehäuft haben. Alles ist wieder sehr groß geworden und sehr viel – und dann haben wir uns hingesetzt und haben aufgeräumt, indem wir unter all dem Spurenmüll nach den interessanten Sounds gesucht haben. Ich habe diese Aufnahmesessions als Ideenpool benutzt, in die ich immer wieder reingegangen bin und kleine Fragmente bearbeitet habe. Dadurch ist diese Platte auch ein bisschen collagenhaft geworden.

uMagazine: Dann hättest du aus dem Ausgangsmaterial auch die ganz große orchestrale Nummer machen können?

Sascha Ring: Absolut, wir haben ja sogar Orchesteraufnahmen gemacht und alles mögliche probiert. Mein Cellist Philipp ist für den Song „Caronte“ etwa nach Prag gefahren und hat dort ein Orchester aufgenommen. Aber dann sitzt man da und hat diese Spuren in dem Song – und irgendwie passt es nicht. Wir haben die gleichen Aufnahmen noch mal nur mit Philipps Cello gemacht und dann verglichen: einmal die Version mit ganz viel Pathos und dann die kleine Chamber-Variante. Am Ende sind jetzt die großen Streicher noch drin – aber nur noch als Hallfahne für die kleinen Streicher, die wir nach vorne gemischt haben.

Apparat • Album

Künstler: Apparat
Titel: LP5
Label: Mute
VÖ: 22.03.2019

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