„Wir sourcen out!“

Die musikalische Unterwanderung des Neoliberalismus durch Satire hat einen Namen: Arbeitsgruppe Zukunft. uMagazine sprach mit Michael Krebs, dem Liedermacher und Pressesprecher der AGZ, über Mysterien, Erinnerungslücken und Subunternehmer.

uMagazine: Herr Krebs, die Arbeitsgruppe Zukunft dementiert, dass es Spannungen in der Gruppe gebe, aber jetzt, wo Sie alleine sprechen können, hindert Sie keiner daran die Wahrheit zu sagen. Gibt es Ärger zwischen Ihnen, Marc-Uwe Kling und Julius Fischer?

Michael Krebs: Natürlich nicht. Das sind Lügen, das sind Fake News. Wir sind, wie wir auch immer betonen, eine schnurrende Maschine. Wir arbeiten da mit ganz flachen Hierarchien. Das ist uns auch sehr wichtig. Wir stimmen im Vorstand alle Vorhaben ab, und die werden dann dementsprechend outgesourct. Mit den Entscheidungen haben wir dann kaum noch etwas zu tun.

uMagazine: Was wird outgesourct?

Michael Krebs: Eigentlich alles. Das ist auch einer der Gründe, warum die AGZ so gut funktioniert. Wir geben die Entscheidungen einfach weiter an unsere Angestellten in Form unserer Musiker, und die geben das, soweit ich weiß, an Subunternehmer weiter, aber da kümmere ich mich auch nicht so.

uMagazine: Wurde am Ende die AGZ sogar schon von einem outgesourcten Unternehmen gegründet?

Michael Krebs: Möglicherweise ja.

uMagazine: Sie wissen es nicht mehr?

Michael Krebs: Das weiß ich nicht, da kann ich auch nichts zu sagen.

 

 

uMagazine: Der Song „Die Leute woll’n das so“ beginnt mit der Rechtfertigung eines Programmverantwortlichen beim Fernsehen für schlechtes Programm und geht bis zur kritischen Selbstreflexion des Sängers, der in diesem Fall Sie sind.

Michael Krebs: Ich finde, das klingt sehr gut, ich möchte auf jeden Fall zustimmen.

uMagazine: Das ist textlich eher nüchtern, und auch der Song „Büro“ wird erst durch das Video mit der Zerstörung einer kompletten Büroeinrichtung in seiner Aussage überhaupt greifbar. Wie schaffen Sie es, mit diesen manchmal spröden Songs Erfolg beim Publikum zu erzielen?

Michael Krebs: … … …

uMagazine: Hallo? Herr Krebs? Sind sie noch in der Leitung?

Michael Krebs: Ja, ich denke nach. Ich denke nach, weil mir das selbst auch ein Mysterium ist. Wodurch entsteht Erfolg beim Publikum? Ich weiß es nicht. Ich glaube, das darf einen auch nicht leiten, wenn man die Zukunft gestalten möchte. Denn ob Erfolg entsteht oder nicht, ist nicht planbar.

uMagazine: Das glaube ich Ihnen jetzt nicht, denn Sie haben ganz schöne Tricks auf Lager. Nehmen wir mal den Song „Pendelverkehr“, der durch seinen Titel in ein enges Korsett gezwängt ist, dann aber mit Zeilen aufwartet wie „Ich liebe Marie und ich liebe auch Claire / Wir nennen das Ganze Pendelverkehr“. Damit holen Sie den Hörer doch genau da ab, wo der vielleicht selbst steht oder stehen möchte.

Michael Krebs: Das wünsche ich dem Hörer, dass er da steht! Wenn das gerade mit der Zeile gelänge, würde ich mich persönlich sehr freuen. Und ich möchte hinzufügen: In diesem Fall ist der Sänger zwar männlich, er könnte aber auch weiblich sein.

 

 

uMagazine: „Smartphone“ schließlich ist ein Song mit Aufforderungscharakter. Will die AGZ die Welt verbessern?

Michael Krebs: Wir wollen vor allem das Klima in der Arbeitsgruppe selbst verbessern. Also speziell mit diesem Lied. Das ist sehr arbeitsgruppenintern, aber wir haben festgestellt, dass das Phänomen, das sich da innerhalb der Arbeitsgruppe abbildet, auch außerhalb der Arbeitsgruppe verbreitet ist.

uMagazine: Die gedeihliche Arbeit der Arbeitsgruppe wird durch das Smartphone gestört?

Michael Krebs: (nachdenklich) Ja. Es stört und ermöglicht. Wir sind die Arbeitsgruppe Zukunft, wir arbeiten natürlich mit den Möglichkeiten der Zukunft. Wir treffen uns in Videokonferenzen, wir arbeiten in Messenger-Gruppen, auch das ganze Outsourcing läuft über Apps. Insofern ist das Smartphone natürlich wichtig, aber es gibt diese Momente, wo wir uns unterhalten, und dann muss das weg.

uMagazine: Zum Abschluss ein Zitat aus Ihrem Pressetext, den Sie vielleicht selbst verfasst haben: „Wenn die Menschheit noch eine Zukunft haben soll, wird es höchste Zeit, dass die Arbeitsgruppe Zukunft zurückschlägt!“ Die AGZ verspricht gesellschaftlichen Einfluss!

Michael Krebs: Hat die Arbeitsgruppe das so gesagt?

uMagazine: Der Satz steht so auf der Website der Arbeitsgruppe.

Michael Krebs: Das ist das Problem mit dem Outsourcing! Die Arbeitsgruppe Zukunft bildet natürlich auch die Widersprüche der Gesellschaft ab.

Arbeitsgruppe Zukunft • Album

Künstler: Arbeitsgruppe Zukunft
Titel: Das nächste große Ding
Label: Staatsakt
VÖ: 01.02.2019

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