Contemporary Music

Das Leben danach

Zwei Mitglieder der 2012 unter tragischen Umständen aufgelösten Beastie Boys blicken zurück – und sparen nicht mit Selbstkritik.

Das Buch beginnt mit einer Reihe verschiedener Fotos, die die Beastie Boys backstage, auf der Bühne, im Hotelzimmer und beim gemeinsamen Herumalbern zeigen, und schaut man sich diese Bilder an, ist es noch mal etwas schwerer zu glauben, dass es das gewesen sein soll, seit mittlerweile sechs Jahren schon. Im Mai 2012 verstarb Gründungsmitglied Adam „MCA“ Yauch nach langer Krankheit, und die Beastie Boys lösten sich infolgedessen auf. Der von den verbliebenen Mitgliedern Adam „Ad Rock“ Horovitz und Michael „Mike D“ Diamond kuratierte und größtenteils auch selbst verfasste Erinnerungsband setzt nun einen Schlussstrich in Wort und Bild unter die bewegte Karriere des einflussreichen HipHop-Trios. Mit einer reinen Bandbiografie begnügen sie sich aber nicht: Das 35 Jahre umspannende, schlicht „Beastie Boys Book“ betitelte Buch ist so bunt und eklektisch, wie es auch die Musik der Band war – es gibt Gastbeiträge von den Regisseuren Spike Jonze und Wes Anderson, Mixtape-Playlisten, einen Comicstrip, Kochrezepte und vieles mehr.

Aber natürlich blicken Horovitz und Diamond auch zurück, anekdotenreich und nicht selten überraschend: Wie die Beastie Boys einst aus einer Hardcore-Band hervorgingen, dann den HipHop entdeckten und ihn auf Alben wie dem noch stark punkbeeinflussten Debüt „Licensed to Ill“ (1986) oder dem bahnbrechenden „Paul’s Boutique“ (1989) weiterdachten, bereits Genregrenzen einrissen, bevor das zum guten Ton gehörte; es geht um ihren Bruch mit dem Label Def Jam und wie sie sich darüber beinahe aufgelöst hätten; doch die MC’s üben sich auch in Selbstkritik: Ihr gern übersehenes Werk „Hello Nasty“ (1998), auf dem die Beastie Boys musikalisch experimentierfreudiger und textlich reflektierter wurden, bezeichnen sie aus gutem Grund als ihr bestes Album, denn das Buch enthält auch eine Läuterungsgeschichte. Es erzählt von der Hybris, die mit dem schnellen Erfolg einhergeht, von Yauchs Hinwendung zum Buddhismus, und davon, wie die ehemalige Jungsband mit sexistischen Textzeilen ein feministisches Bewusstsein entwickelt – unter anderem kommt in diesem Zusammenhang auch Musikerin Kate Schellenbach zu Wort, die in ihren frühen Punktagen mit den Beastie Boys musiziert hat. Ja, sie fehlt, diese Band, die sich stetig hinterfragt und erneuert, die ihre Erkenntnisse ohne selbstgerechte Posen zum öffentlichen Thema gemacht und sich musikalisch nie auf ihrem Pionierstatus ausgeruht hat. Das Beastie-Boys-Buch ist ein später, angemessener Trost.

 

Leseempfehlungen

Little Simz: GREY Area

MIKE: War in my Pen