Beiruts neuer Happy Place

Und wenn Zach Condon vielleicht der Letzte ist, der Berlin für sich entdeckt hat … Beirut ist dann doch lieber glücklich als cool.

uMagazine: Zach, dein neues Album ist die erste Beirut-Platte seit langer Zeit, deren Entstehung nicht durch Zusammenbrüche, Schreibblockaden und schmerzhafte Trennungen gekennzeichnet ist.

Zach Condon: Der Vorgänger „No no no“ klang vielleicht fröhlicher – aber damals habe ich die Musik benutzt, um mich aus einer schweren Depression rauszukämpfen. Auch wenn das neue Album mit „When I die“ einsetzt: Nach allem, was ich bereits durchgestanden habe, bedeutet dieser Song für mich vor allem, den Ängsten nicht mehr so sehr nachzugeben.

uMagazine: Dann ist „Gallipoli“ die Aussöhnung mit deiner Vergangenheit?

Zach Condon: Ich wollte wieder zu diesem Zustand vom Debüt zurück, als ich mir keinerlei Gedanken um ein Publikum gemacht habe. Wichtig war, dass meine Brass Section bei den Aufnahmen verhindert war und ich die Bläser wieder selbst eingespielt habe. Gleichzeitig wollte ich die Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit mitnehmen und Neuland betreten.

 

uMagazine: Es klingt nahezu unmöglich, in deiner Position das Publikum auszublenden.

Zach Condon: Mein Umzug nach Berlin war eine Hilfe. All die Jahre davor hat die Musik mein Selbstwertgefühl bestimmt, und ich habe ihr alles geopfert.

uMagazine: Berlin hat dich zum Slacker gemacht?

Zach Condon: Davon bin ich noch weit entfernt, aber die Gelassenheit ist ansteckend, und die Stadt zwingt dir keine Lebensweise auf. In Paris kannst du nie für dich allein sein, und mein Leben in New York war von Stress und einer permanenten Angst geprägt. Wenn du in New York andere Künstler getroffen hast, wurde als erstes abgeglichen, wer erfolgreicher ist. In Berlin habe ich wieder angefangen, auf Konzerte zu gehen. Mein Freund Jan St. Werner von Mouse On Mars hat mich oft in Galerien oder ganz kleine Clubs mitgenommen, wo experimentelle oder auch atonale Musik gespielt wurde. Ich schreibe zwar immer noch im Songformat, trotzdem kann man auch diesen Einfluss auf „Gallipoli“ hören.

uMagazine: Berlin ist aber auf dem besten Weg, die Entwicklung von New York zu wiederholen.

Zach Condon: Das ist derzeit meine größte Angst. Wie immer bin ich natürlich auch auf der Berlin-Party viel zu spät erschienen. Aber egal, wo gerade alle hinziehen, von der Gentrifizierung werden auch Lissabon, Leipzig und Athen nicht verschont werden. Trotzdem wird es noch eine Weile dauern, bis Berlin so komplett ausgebrannt ist wie New York. Ich war jedenfalls gestern bei der Ausländerbehörde und habe meine Aufenthaltsgenehmigung um zwei Jahre verlängern lassen.

Beirut • Album

Künstler: Beirut
Titel: Gallipoli
Label: 4AD
VÖ: 01.02.2019

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