Gedichte, Gartenarbeit, Pop

Eigentlich wollte Ben Howard keine Songs mehr schreiben. Aber er ist einfach zu gut darin … oder in allem anderen zu schlecht.

Ben Howard ist kein Freund großer Worte. War er noch nie. Über sein drittes Album „Noonday Dream“ hat der 31-jährige Brite deshalb mit fast niemandem von der Presse gesprochen. Was man weiß: Nach seiner letzten Platte hatte Howard eigentlich beschlossen, fortan keine Musik mehr zu machen, sondern sich der Lyrik zu widmen. Er reiste nach Nicaragua und beschäftigte sich mit Poesie von dort. Zurück in England grub er erstmal seinen kompletten Garten um. „Auf der Suche nach Inspiration hatte ich das Gefühl, ich müsse etwas Manuelles tun“, sagte er der britischen Zeitung The Times. Dabei stellte er fest, dass sich sein Lyrik-Talent in Grenzen hielt – und so landete doch wieder bei der Musik. Gemeinsam mit seiner sechsköpfigen Band feilte er in England und Südwestfrankreich an den zehn Songs, die schließlich auf „Noonday Dream“ gelandet sind.

Weder mit dem sanften Folkpop seines mit zwei Brit Awards ausgezeichneten Debüts „Every Kingdom“ noch mit dem dunklen und melancholischen Nachfolger „I forget where we were“ hat das neue Werk viel gemein. Gleich mehrere Stücke überschreiten die Sechs-Minuten-Marke. Die Texte sind kryptisch, die Musik ist experimentell: Folk trifft auf psychedelische Klänge, dazu spielt Howard mit Percussion-Elementen, Streichern, Spoken-Word-Passagen und allerhand sperrigen Sounds. Eine hypnotische schöne Platte, die vielleicht noch mysteriöser wirkt, weil Howard eben nicht darüber spricht.

Schweigsam ist er übrigens auch bei seinen Konzerten. Er nimmt er vor einer Leinwand Platz, auf der kunstvolle Projektionen flimmern, und während er da auf seinem Hocker sitzt, lässt Howard einfach die Musik wirken. Songs seiner ersten beiden Alben streut er auf der aktuellen Tour nur vereinzelt ein. Im Fokus steht „Noonday Dream“, das live noch atmosphärischer wirkt. Zeit und Raum spielen keine Rolle mehr – und man kann sich auf einmal bildlich vorstellen, wie Ben Howard seinen Garten umgräbt, während diese Songs in seinem Kopf Gestalt annehmen …

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Ben Howard • Album

Künstler: Ben Howard
Titel: Noonday Dream
Label: Island Records
VÖ: 01.06.2018

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