Black Midi gehen mit ihrem Debütalbum an den Start. Und alle fragen sich: What the fuck is Schlagenheim?

Vieles ist seltsam bei diesen vier jungen Londonern namens Black Midi – doch keine andere Gitarrenband ist derzeit spannender.

„Ich wurde schon gefragt, ob uns die Idee für den Albumtitel auf Tour in Deutschland gekommen ist, weil er wie der falsch verstandene Name einer trostlosen Kleinstadt klingt“, sagt Sänger Geordie Greep mit einem Lächeln. Doch die Bedeutung von „Schlagenheim“ ist nur noch ein Fragezeichen mehr, denn von Anfang an ist die Geschichte von Black Midi mit Geheimniskrämerei verbunden: Seit nun mehr einem Jahr werden die vier zwanzigjährigen Londoner als aufregendste neue Gitarrenband der Insel gehandelt, während im Netz keine Videos und nur wenige Fotos zu finden sind, und selbst ihre Facebookseite kaum mehr als ein paar rudimentäre Informationen anbietet. Ihren Ruf haben sich Black Midi einzig und allein durch atemberaubende Konzerte erspielt.

Es fehlt an eindeutigen Referenzen, wenn sie zwischen Prog, Noise, Punk und Mathrock einen energiegeladenen Sound etablieren, der von jazzigen Improvisationen geprägt ist und den Zuhörer in ein Gefühlschaos stürzt. Nichts ist vorhersehbar, immer wieder wechseln ihre Songs die Richtung, in die Greep mit quäkig-schneidender Simme kryptische Textzeilen einstreut. „Uns wird oft unterstellt, wir hätten geschickt Aufmerksamkeit erzeugt und uns mit einer mystischen Aura von dem heute üblichen Social-Media-Overkill abgesetzt – dabei fanden wir es einfach spannender, Konzerte zu spielen und weiter zu experimentieren“, sagt Gitarrist Matt Kelvin, und begegnet man den schüchternen und sympathisch nerdig wirkenden Jungs, glaubt man ihm das auch.

Kennengelernt haben sie sich an der altehrwürdigen Brit School in Croydon, die vor ihnen auch schon Adele, Amy Winehouse oder The Kooks besucht haben. „Viele Leute denken, man wird an der Schule auf Kommerzialität gedrillt, aber wir konnten komplett unser Ding durchziehen“, kommentiert Greep. Er war es auch, der nach dem Abschluss so ziemlich jeden Londoner Club angeschrieben hat, um nach Auftrittsmöglichkeiten zu fragen. Geantwortet hat Tim Perry von The Windmill in Brixton, wo sich seit geraumer Zeit die Südlondoner Postpunk-Szene um Bands wie Fat White Family und Goat Girl trifft. Von da an ging es ziemlich schnell: Gleich beim ersten Konzert war Dan Carey im Publikum, der dann auch „Schlagenheim“ produziert hat, und mit Rough Trade fand man ein Label, das der Band komplette musikalische Freiheit gewährt.

Aber geht es in den Texten nicht vielleicht doch um das Einlassen auf die Musikindustrie und die Angst, sich verführen und künstlerisch korrumpieren zu lassen? Die Zeile „I’d spent all your cash by the time I got to Schlagenheim“ aus „Western“ als auch der Titelsong „Of Schlagenheim“ würden so Sinn ergeben. „Eine interessante Interpretation, die ich weit weniger höre, als dass die Texte auf das Post-Brexit-England bezogen werden“, antwortet Greep. „Die Texte sind mir extrem wichtig und viele sind bereits vor der Musik entstanden, aber wenn ich ein Wort wie ,Schlagenheim’ erfinde, ist das von vielen ganz verschiedenen Büchern, Songs oder auch Filmen beeinflusst“, drückt er sich vor einer eindeutigen Antwort und zeigt jetzt ein siegessicheres Lächeln: Greep weiß genau, dass es dieser Trip ins Ungewisse ist, der Black Midi so spannend macht.

„Schlagenheim“ erscheint am Freitag, den 21. 6. Das Album könnt ihr hier bei Amazon vorbestellen.

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