Bruce Springsteens Autodiskografie

Wieviel Songs braucht man, um ein ganzens Leben zu erzählen? Springsteen braucht: Nur 16!

Für die Kinder war der Ruhm ihres Vaters ein Schock. In seiner Autobiografie „Born to Run“ erinnert sich Bruce Springsteen daran, wie sein ältester Sohn, den er immer von allem Rockstar-Irrsinn fern gehalten hatte, plötzlich seine Bekanntheit realisierte: „Daddy, der Typ da hinten hat ein Tattoo von dir auf dem Oberarm!“ Springsteen, der 20-fache Grammy-Gewinner, der 140 Millionen Platten weltweit verkauft und elf Nummer-eins-Platzierungen allein in den Album-Charts der USA erzielt hat, kann schon seit Jahrzehnten nicht mehr einfach auf die Straße gehen und sich einen Kaffee kaufen. Geschweige denn Konzerte geben, ohne dass es Millionen mitbekommen.

Üblicherweise spielt der ewige Jeansträger in Stadien vor 60.000 Menschen. Seit Oktober 2017 steht er fünf Mal pro Woche auf der Bühne eines 100 Jahre alten Theaters am New Yorker Broadway, vor nicht einmal 1000 Zuschauern. Zuletzt war Bruce Springsteen in den 70er-Jahren in Venues dieser Größe aufgetreten. Zweimal wurde die Show, die jeden Abend einer festen Setlist folgt, verlängert – die Zahl der Ticketanfragen war einfach zu gigantisch. Zurückhaltende Akustik-Konzerte nur mit dem „Boss“, bei denen er obendrein noch persönliche Geschichten erzählt? Das ließen sich die Leute regulär bis zu 900 Dollar kosten. Nun gibt es den Abend auch für den Wohnzimmerkonsum: Auf vier LPs und zwei CDs erscheint „Springsteen on Broadway“, dazu folgt Mitte Dezember ein gleichnamiges Netflix-Special. Ob dies ein „Greatest Anti-Hits“-Konzert ist, wie die New York Times behauptet, darüber lässt sich streiten; schließlich spielt Springsteen längst nicht bloß weniger Bekanntes, sondern auch „Thunder Road“ und „Born in the U.S.A.“. Das Set ist so etwas wie die Live-Version der Autobiografie. Der Sänger beginnt chronologisch mit seiner Kindheit („Growin‘ up“) und Jugend in New Jersey („My Hometown“), später widmet er „Dancing in the Dark“ seiner an Alzheimer leidenden Mutter und kommentiert mit „The Rising“ und „Land of Hopes and Dreams“ die politische Zerrissenheit seiner Heimat. Bruce Springsteen, dieser grundehrliche Rock’n’Roller, kann auch leise und intim.

 

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