Contemporary Music

„Wichtig ist nur, dass ich überlebt habe“

Chan Marshall geht es gut wie nie, weil sie jetzt kompromisslos den eigenen Kopf durchsetzt – und höchstens für Lana Del Rey eine Ausnahme macht.

Chan Marshall kommt direkt zur Sache. Statt ein bisschen unverfänglich über das Älterwerden und die damit immer schneller werdenden Jahre zu plaudern – immerhin hat sie vor Kurzem den 20. Geburtstag ihres Überalbums „Moon Pix“ gefeiert, und ihre letzte Cat-Power-Platte „Sun“ liegt nun auch schon wieder sechs Jahre zurück –, stattdessen also haut sie eine Bemerkung raus, die jeden Smalltalk von vornherein plattmacht: „Wichtig ist nur, dass ich überlebt habe“, bilanziert sie. Und dieser Satz ist bei der 46-jährigen Musikerin alles andere als Koketterie. Einerseits wird Marshall von Fans und der Kritik für ihre hochemotionalen, zwischen Indierock, Blues und Folk pendelnden Songs leidenschaftlich verehrt; andererseits trat die Musik leider viel zu oft in den Hintergrund, weil immer wieder von psychischen Zusammenbrüchen die Rede war. Wer trotz all der abgesagten Konzerte in den vergangenen nun fast 25 Jahren die Gelegenheit hatte, bei einer Cat-Power-Show dabei zu sein, musste häufig mitansehen, wie sie auf der Bühne in Tränen ausbricht oder das Konzert ohne ersichtlichen Grund vorzeitig beendet. „Ich bin glücklich“, sagt Marshall jetzt – und so, wie sie sich strahlend auf das Ledersofa lümmelt, besteht kein Grund, ihr das nicht zu glauben. Für den Interviewtag zum neuen Album „Wanderer“ hat die Plattenfirma den Showroom des Gitarrenherstellers Gibson in Berlin-Mitte angemietet, und in dieser Umgebung fühlt sie sich bis auf zwei Wermutstropfen sichtlich wohl: Es herrscht Rauchverbot, und die WLAN-Verbindung ist zu schwach, um mit ihrem dreijährigen Sohn zu skypen, der daheim bei seiner Nanny in Miami geblieben ist.

 

uMagazine: Chan, mit der neuen Platte reflektierst du sowohl die niederschmetternde politische Situation in den USA als auch deine persönlichen Kämpfe der letzten Jahre. Liegt es an der neuen Verantwortung als Mutter, dass „Wanderer“ dennoch in positive Aufbruchsstimmung mündet?

Chan Marshall: Das war eine bewusste Entscheidung. Kurz vor meiner Schwangerschaft ist eine sehr enge Freundin an einem Herzinfarkt gestorben. Wir hatten uns sehr stark in der Occupy-Bewegung engagiert, wollten gemeinsam in Atlanta etwas auf die Beine stellen – und ihr plötzlicher Tod fühlte sich an, als hätte man mir ein Bein amputiert. Als ich kurz darauf erfahren habe, dass ich schwanger bin, wusste ich: Wenn ich mich für das Leben entscheide und ein Kind bekomme, muss ich auch konsequent sein.

uMagazine: Wenn du dich in „Horizon“ an deine Familie wendest, geht es also darum, deinen Frieden zu schließen und die alten Konflikte hinter dir zu lassen?

Chan Marshall: Man kann seine Kindheit nicht vergessen, sie wird immer Teil unserer Identität sein, trotzdem möchte ich nicht mehr über Schuld nachdenken und mir selbst oder irgendwem anders Vorwürfe machen. Mein Sohn hilft mir dabei, mich auf die Gegenwart zu fokussieren. Er macht die Regeln, und ich kann es mir nicht mehr leisten, ständig in die Vergangenheit abzuschweifen.

uMagazine: Musikalisch kehrst du allerdings zu deinem angestammten Sound zurück und lässt den Elektropop von „Sun“ hinter dir. War es auch Teil deiner Befreiung, die Zusammenarbeit mit deiner alten Plattenfirma Matador aufzukündigen?

Chan Marshall: Das Label war wie eine Familie für mich, aber dann haben sie mich mit dem Befehl unter Druck gesetzt, eine Hitplatte abzuliefern. Ich habe mich der Herausforderung gestellt, die Platte hat es in die Charts geschafft, und ich bin heute noch sehr stolz auf „Sun“ – doch dieser Druck hat mich so krank gemacht, dass mein Immunsystem zusammengebrochen ist und ich fast gestorben wäre. Deswegen habe ich mich bei „Wanderer“ nur nach meinen eigenen Vorgaben gerichtet, und als mir Matador mitgeteilt hat, dass ihnen die Platte nicht gefällt, hat mich das nicht verletzt. Es war ein gute Gelegenheit, mir selbst zu beweisen, dass ich das mit der Selbstermächtigung wirklich durchziehe.

Hart zum Label, weich zu Lana Del Rey

Marshall nimmt empowerment als Stichwort, um eine gemeinsame Zigarette am offenen Fenster vorzuschlagen. Und natürlich ist es auch eine perfekte Gelegenheit, um auf die Single „Woman“ zu sprechen zu kommen, bei der sie sich von Lana Del Rey unterstützen lässt. Marshall erzählt von der gemeinsamen Europatour im Frühjahr und ihrem Aha-Erlebnis. „Bei einem Song, den sie jeden Abend gespielt hat, habe ich plötzlich diese Dynamik in ihrer Stimme wahrgenommen, die mich an alte Countrysoul-Stücke erinnert hat.“ Schnell war die Idee geboren, die Kollegin an ihrem eigenen Song zu beteiligen, in dem es um das Aufbrechen von einengenden Weiblichkeitsmustern geht. „Während ich immer als Tomboy wahrgenommen wurde und mir in der Vergangenheit oft mein Recht auf Femininität erstreiten musste, kämpft Lana ja eher aus der entgegengesetzten Richtung.“ Bei einer gemeinsamen Studiosession in Australien lässt Marshall der Duettpartnerin bewusst alle Freiheiten. „Ich hatte ihr vorab den Text geschickt, damit sie schauen konnte, zu welchen Zeilen sie eine Verbindung herstellen kann, aber sie hätte auch eine eigene Strophe hinzufügen können.“ Das Ergebnis bestätigt Marshalls Strategie: „I’m a woman of my word, now you have heard my word’s the only thing I truly need“, singen die beiden im Verbund, und es ist kaum zu glauben, wie gut ihre Stimmen ineinandergreifen. „Es gibt diese seltenen Fälle, in denen es trotz aller Selbstermächtigung besser ist, die Kontrolle abzugeben“, sagt Chan Marshall und schließt lächelnd das Fenster

Cat Power • Album

Künstler: Cat Power
Titel: Wanderer
Label: Domino
VÖ: 05.10.2018

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