Zu früh ist auch nicht pünktlich!

Irgendwie auch beruhigend, dass Charlie Cunninghams Superpower wohl nur im Zusammenhang mit seiner Musik funktioniert.

„Ich wurde gerade gefragt, ob gutes Timing meine Stärke ist“, ruft Charlie Cunningham in den Raum – und dann dröhnt erst mal schallendes Gelächter aus dem Telefonhörer. Nicht in allen Bereichen scheint der in London lebende Brite ein gutes Gespür für den richtigen Zeitpunkt zu haben, bei seiner Musikkarriere aber allemal: 2014 veröffentlicht er seine erste EP, und schnell macht die Runde, dass Cunningham eben nicht nur ein weiterer Singer/Songwriter mit einschmeichelnder Stimme, Akustikgitarre und Mollharmonien ist: Wegen eines zweijährigen Spanienaufenthalts baut er ganz zarte Flamenco-Sprengsel in seine Songs ein, die seinen Stil unverwechselbar machen. Doch der junge Mann lässt sich von der Aufmerksamkeit nicht hetzen und schiebt noch zwei EPs hinterher, bevor 2017 dann endlich sein Debüt erscheint. Zwar mischen sich auf „Lines“ schon mal dezente Electronica und eine Trompete unter die reduzierten Folksongs, doch gemessen an seinen extrem vielseitigen Spotify-Playlisten, fiel die Erweiterung des eigenen Klangspektrums eher gemäßigt aus. „Beim ersten Album wollte ich, dass die Songs ganz rudimentär für sich stehen – auch wenn mir damals natürlich schon bewusst gewesen ist, dass ich mit meiner Musik noch an ganz andere Orte will.“

 

 

Den großen Schritt macht Cunningham erst zwei Jahre später: Sein zweites Album „Permanent Way“ hat er mit Band eingespielt. Der beim renommierten Neoklassik-Label Erased Tapes veröffentlichende Musiker Daniel Thorne ist für Streicherarrangements verantwortlich, die sich völlig kitschfrei in das Klangbild integrieren. Und für die Songs „Don’t go far“, „Bite“ und „Force of Habit“ ist Cunningham nach L.A. geflogen, um mit Produzent Rodaidh McDonald (The XX, Sampha, King Krule) zu arbeiten. „Ich wollte mit den Kollaborationen warten, bis ich all diesen Leuten auch wirklich mit einem konkreten Entwurf gegenübertreten kann“, sagt der Musiker, der trotz seiner sehr persönlichen Songs sein Privatleben so gut es geht unter Verschluss hält und mit einem angenehm dezenten Social-Media-Verhalten große Sympathiepunkte sammelt. „Natürlich bin ich schon lange ein Fan von Radaidh McDonalds Produktionen, und ich wusste genau, dass die dunkle Grundierung seiner Arbeiten auch meiner Musik sehr gut stehen wird – nur wollte ich mir das nicht einfach von ihm verpassen lassen, sondern gemeinsam erarbeiten“, ergänzt er – und lässt dabei durchblicken, dass er auf das Kompliment mit dem richtigen Timing dann doch ein kleines bisschen stolz ist.

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