Contemporary Music

Maschinen und Tiere

Chris Imler überzeugt mal wieder mit Hirn, Humor und Goldzahn.

Natürlich fühlt man sich ertappt, wenn Chris Imler einem Instrumentalstück den Titel „Middle Aged Sex Object“ verpasst. Dabei erklärt sich die Sexiness des gebürtigen Augsburgers nicht nur etwa mit diesem unwiderstehlichen Goldzahn, sondern ist untrennbar mit der Tatsache verbunden, wie er mit Hirn und Humor den Überlebenskampf im Spätkapitalismus abbildet und seit Jahrzehnten den Kreuzberger Untergrund zusammenhält. Als Schlagzeuger von Oum Shatt, Die Türen und Jens Friebe hält er der sympathischen Berliner Szene den Rücken frei, doch schon sein Solodebüt „Nervös“ bewies vor vier Jahren, dass er an vorderster Front noch viel effektiver ist. „Hab‘ ich verdient, nie zu kriegen, was ich verdiene, hab’ ich den Krieg verdient, den ich kriege, hab’ ich verdient zu entgleisen mit sämtlichen Zügen“, sprechsingt Imler jetzt in „Fahrvergnügen“, einem der Höhepunkte von Album Nummer zwei. „Maschinen und Tiere“ ist in sich geschlossener, auch wenn er beständig zwischen Minimalismus und Bombast hin und her pendelt und mitunter auch den Schritt zur ausufernden Trackstruktur wagt. Zeitgemäß sind seine Elektrosongs mit Referenzpunkten wie DAF, Brian Eno und Liaisons Dangereuses nicht zuletzt wegen der niederschmetternden und zugleich doch so tanzbaren Gegenwartsdiagnostik: „Es geht nach unten, nach unten, zu den Hunden vor dem Kundenzentrum angebunden“. Wir müssen versuchen, diese Abwärtsbewegung zu stoppen, und auch dafür hat Imler einen Songtitel, dem man sich nur anschließen kann: „Who stops clapping first will be shot“. cs

 

 

Chris Imler • Album

Künstler: Chris Imler
Titel: Maschinen und Tiere
Label: Staatsakt
VÖ: 05.10.2018

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