Schöne Erscheinung

Ein Sonderling war Dagobert schon immer. Aber hält sich der in Berlin lebende Schweizer jetzt gar für Jesus?

uMagazine: Dagobert, seit der letzten Platte sind vier Jahre vergangen. Wird das Liederschreiben schwieriger, wenn man vieles schon gesagt hat?

Dagobert: Nö, ich war schon sehr produktiv. Wenn es mit „Welt ohne Zeit“ so lange gedauert hat, liegt das eher an organisatorischen Fragen. Ich habe mir ein neues Management gesucht, dann habe ich einen neuen Produzenten ausprobiert, und schließlich bin ich auch mit einem neuen Label und einer neuen Bookingagentur einig geworden. Beim nächsten Album wird es definitiv schneller gehen.

uMagazine: Haben sich nur deine Partner geändert, oder fühlt sich das dritte Album „Welt ohne Zeit“ auch wie ein künstlerischer Neubeginn an?

Dagobert: Ein Neuanfang ist es ganz sicher nicht. Inhaltlich bleibe ich ja meinen Themen treu, und auf musikalischer Ebene würde ich eher von einer deutlichen Weiterentwicklung sprechen. Wenn ich mein Umfeld auswechsle, dann heißt das ja nicht, dass ich mich selbst auswechsle.

uMagazine: Neu ist ja, dass es in den Texten nicht mehr um Sehnsuchtsorte geht, sondern du ganz konkret aus deiner Erfahrungswelt schöpfst.

Dagobert: Das fühlt sich in der Tat schon sehr anders an. Früher war das alles sehr fantastisch, während es sich jetzt nicht nur um Beschreibungen von Gefühlen, sondern um Erzählungen handelt, die auch wirklich so passiert sind. Es geht um ganz konkrete Menschen, und ich habe diese Songs auch alle in Berlin geschrieben, wo ich mit diesen Leuten lebe.

 

„Ehrlich gesagt geht es beim Schreiben für mich immer um Überwindung. Es tut immer ein bisschen weh und ist zunächst auch peinlich.“

 

uMagazine: Hat es Mut und Selbstüberwindung gekostet, das Texten so konkret auszugestalten?

Dagobert: Ehrlich gesagt geht es beim Schreiben für mich immer um Überwindung. Es tut immer ein bisschen weh und ist zunächst auch peinlich. Meistens muss ich die Stücke eine Weile liegen lassen, bevor ich sie mir anhören kann. Wenn sie mich dann so sehr überzeugen, dass ich eine gewisse Distanz zu ihnen aufbauen kann, dann ist es mir auch möglich, sie mit anderen aufzunehmen.

uMagazine: Als ich die neue Platte zum ersten Mal gehört habe, war ich ein bisschen neidisch, weil du in „Uns gehört die Vergangenheit“ diesen Satz singst: „Du warst mein größtes Glück“. Das muss man auch erst mal singen können, oder?

Dagobert: Man muss es vor allem auch erst mal erleben. Ich hatte ein paar Beziehungen, die immer besser wurden. Als auch die beste dieser Beziehungen nicht funktioniert hat, konnte ich das trotzdem als ein positives und sehr schönes Erlebnis mitnehmen.

 

 

uMagazine: War es ein hartes Stück Arbeit, um diesen Frieden zu schließen?

Dagobert: Es war sehr viel Zeit involviert, und die brauchte es wohl auch, damit es sich dann wirklich so anfühlt. Nachdem ich das geschrieben hatte, musste es ziemlich sacken, bis ich damit wirklich rausgehen konnte.

uMagazine: Das Stück „In all unseren Leben“ thematisiert die hohen Ansprüche, mit denen wir in Beziehungen gehen. Dann nimmst du dich da selbst auch nicht aus?

Dagobert: In dem Punkt bin ich vermutlich ein moderner Mensch. In meinem Fall ist es so, dass ich die Musik über alles andere stelle. Das kommt einer Beziehung gern mal in die Quere, und daran kann es dann auch wirklich scheitern.

uMagazine: Hilft dir das Liederschreiben denn dann bei der Verarbeitung einer an die Wand gefahrenen Beziehung?

Dagobert: Ich würde nicht von einer Therapie sprechen, aber trotzdem ist das Schreiben ein Zwang und ein Bedürfnis. Aus meinem Leben kann ich die Beschäftigung mit mir selbst und diese Selbstreflexion nicht wegdenken. Ich muss das machen, sonst werde ich todunglücklich.

 

 

uMagazine: Hast du denn jetzt definitiv mit der Liebe abgeschlossen? „Flieg mit mir“ sagt ja ganz klar: Liebe geht nur dann, wenn man den anderen noch nicht richtig kennt und Projektionen im Spiel sind.

Dagobert: Ja, aber ich versuche es trotzdem immer wieder. Immer wieder gerät man in Situationen, die man dann doch noch nicht erlebt hat – und so geht das dann immer weiter … Ich bin auch dankbar für diese Situationen, in denen ich keine Kontrolle mehr habe und mich den Gefühlen hingebe.

uMagazine: Siehst du dich denn als eine Art Jesusfigur, die den Schmerz auf sich nimmt, um uns Schönheit zu geben? Das zumindest höre ich raus, wenn du in „Ein Geist“ singst: „Ein Leben voller Einsamkeit liegt vor dir/nimm es und gib acht/dass keiner etwas Schlechtes daraus macht/denn aus deinem Schmerz heraus wächst die Schönheit dieser Welt“.

Dagobert: Das Stück beschreibt meine Begegnung mit Audrey Hepburn, die zu diesem Zeitpunkt schon längst tot war. Ich hatte wirklich eine Erscheinung, und sie hat mir in einem ganz schlimmen Moment in meinem Leben gesagt, dass es ihr einst nicht anders ergangen ist. Wenn du auf der Suche nach einer Jesusfigur bist, musst du dich also eher an Audrey Hepburn halten.

uMagazine: Stehst du denn noch immer in Kontakt mit ihr?

Dagobert: Nein, es ist zu keiner weiteren Begegnung gekommen. Das war ein einmaliges Erlebnis.

 

Dagobert • Album

Künstler: Dagobert
Titel: Welt ohne Zeit
Label: Staatsakt
VÖ: 01.03.2019

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