Contemporary Music

Mit existenzieller Wucht

„Ich hatte das Gefühl, ich kann nicht mehr funktionieren, wenn ich das jetzt nicht mache“, sagt David August – und legt mit seinem neuen Album „D’Angelo“ ein innovatives Meisterwerk vor.

uMagazine: David, dein neues Album ist ein Riesenschritt.

David August: Zuvor habe ich mich innerhalb der Musik nie so intensiv mit mir selbst auseinander gesetzt. Was natürlich auch seine Schönheit hat, da relativ naiv und blauäugig ranzugehen. Aber „D’Angelo“ ist ganz sicher die Platte, bei der ich am meisten von mir selbst eingebracht und auch verarbeitet habe. Und diese Intensität spiegelt sich hoffentlich in der Musik wider.

uMagazine: Warum hast du es in der Vergangenheit bewusst vermieden, etwa deine italienischen Wurzeln in die Musik einzubringen?

David August: Früher habe ich es wohl nicht wertgeschätzt, wie reich an Kultur und Einflüssen meine Herkunft ist. Diese Sehnsucht, mehr über mich zu erfahren, hat erst in den letzten Jahren eingesetzt. Plötzlich waren da diese Fragen: Wer bin ich? Wo komme ich eigentlich her? Das klingt erstmal ziemlich banal, aber mit Mitte 20 war plötzlich die Identitätsfindung sehr zentral. Dis dahin war meine Musik immer ein Produkt der Gegenwart. Was okay ist – nur hat es sich nie so angefühlt als wäre das komplett meins.

uMagazine: Weil Clubmusik natürlich einer gewissen Funktionalität folgt, bist du selbst auf lange Sicht zu kurz gekommen?

David August: Wenn ich Musik nur für mich selbst machen würde, müsste ich sie nicht veröffentlichen. Es macht mich als Künstler glücklich, wenn ich mich ausdrücken und kommunizieren kann. Und auch jetzt geht es nicht um reinen Egoismus, da ich mir ja schon Gedanken darüber mache, wie meine Stücke von Hörer wahrgenommen werden. Aber es stimmt schon, früher war es weniger der Fall, dass ich die Sachen für mich selbst gemacht habe. Die Funktionalität stand an erster Stelle. Als Wendepunkt sehe ich mein Ambientalbum „DCXXXIX A.C.“, das Anfang des Jahres erschienen ist und in gewisser Weise der Vorläufer für „D’Angelo“ ist. Beide Veröffentlichungen speisen sich aus den gleichen Inspirationsquellen und sind miteinander verwoben. Diese Platten mussten entstehen, damit ich meinen Frieden finde. Natürlich sind diese Identitätsfragen jetzt nicht beantwortet, aber zumindest bin ich überhaupt mal in diesen Prozess reingekommen.

uMagazine: Deswegen auch deine Auszeit?

David August: Ich hatte das Gefühl, ich würde zukünftig nicht mehr funktionieren, wenn ich diesen radikalen Schritt nicht mache. Eine zeitlang musste der Deckel drauf, damit ich zu mir selbst finden konnte. Dazu gehört auch, dass ich nicht die Stilmittel nutze, die für ein bestimmtes Genre sprechen, sondern mich auf diejenigen beziehe, die mir bei dem entgegenkommen, was ich ausdrücken möchte. Ich will nicht darüber nachdenken, ob ein Stück zu langsam ist oder ob es Drums und Bässe braucht, um clubtauglich zu werden. Man darf seine künstlerische Integrität verlieren, indem man Sklave einer Genre-Architektur wird. Dieses Freiheitsgefühl ist bei mir im Laufe der Jahre intensiver geworden und hat sicher auch mit einem größeren Selbstbewusstsein zu tun.

uMagazine: Aber es gibt schon noch die Angst davor, Leuten vor den Kopf zu stoßen, die eine bestimmte Erwartungshaltung haben?

David August: Das Ambientalbum Anfang des Jahres war ja mein erstes Lebenszeichen nach längerer Zeit. Bestimmt war es nicht das, was viele Leute von mir erwartet haben – aber es war ehrlich und musste gesagt werden. Ich bin lieber ein ehrlicher und nicht so erfolgreicher Künstler als einer, der unehrlich und erfolgreich ist. Natürlich weiß ich, dass es immer noch Leute gibt, die älteren Stücken von mir hinterher hängen. Aber bei meinen Shows spiele ich schon länger gewisse Tracks nicht mehr, obwohl sie extrem viele Klicks auf Youtube haben. Diese Stücke repräsentieren mich einfach nicht mehr. Und es tut gut zu wissen, dass es auch sehr viele Leute gibt, die mir mit einer großen Offenheit begegnen und neue Wege mit mir teilen.

uMagazine: Deine Kindheit und Jugend wurden durch deine italienische Mutter sehr stark von ihrem Heimatland geprägt. Trotzdem hat es nicht so recht funktioniert, in Italien an den Stücken von „D’Angelo“ zu arbeiten.

David August: Ich bin relativ naiv nach Florenz gefahren. Es sollte in dieser Kulturhochstadt seinen Anfang nehmen, nur bin ich da hingekommen, ohne wirklich einen Plan zu haben. Ich wollte meine Herkunft thematisieren, aber ich hatte keine Ahnung, wie sich das klangästhetisch umsetzen lässt. Deswegen waren diese zwei Wochen vor Ort zunächst gar nicht so produktiv. Ich habe zwar Sounds, Akkordfolgen, Drums und alles mögliche aufgenommen, aber ohne Songskizzen und Vorproduktionen war es zunächst nicht so ertragreich. Erst im Nachhinein habe ich bemerkt, dass die dort entwickelte Soundästhetik doch sehr hilfreich war, und es sind jetzt auch viele Schnipsel aus dieser Zeit auf dem Album.

uMagazine: Die Übersetzung ist dir dann erst aus der Entfernung gelungen, als du wieder in Berlin warst?

David August: Da wurde es dann mitunter schon sehr intensiv. In den letzten ein oder zwei Monaten ist sogar ein gewisser Pragmatismus eingetreten. Ich wusste, dass da eh schon sehr viel mehr drinsteckt, als mir überhaupt bewusst ist, und ich musste mich selbst dazu bringen, die Arbeit an den Stücken dann auch einfach mal abzuschließen. Da ging es dann wieder darum, einen gewissen Abstand zu bekommen.

uMagazine: Mit dem neuen Album etablierst du dich auch als Sänger und Texter. Brauchtest du Wörter, um bestimmte Fragen zu kanalisieren und ein ordnendes System einzubauen?

David August: Das war eine bewusste Entscheidung, weil ich das Bedürfnis hatte, auch auf unmittelbarster Ebene zu sprechen. Es gab Dinge, die ich mit der Musik allein nicht mehr ausdrücken konnte, aber unbedingt vermitteln wollte. Ich singe zwar verschleiert und ich glaube, mitunter kann man die Texte gar nicht verstehen, wenn man sie nicht im Booklet nachliest. Aber das liegt dann eher daran, dass ich mich selbst noch daran gewöhnen muss, mit meiner Stimme umzugehen. (lacht) Ich singe noch nicht so lange, da braucht es noch Selbstbewusstsein. Aber dieser unmittelbare Ausdruck war für diese Platte essentiell und er wird mir auch generell immer wichtiger.

LIVE ab 28. 10.

David August • Album

Künstler: David August
Titel: D’Angelo
Label: Play It Again Sam
VÖ: 05.10.2018

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