Contemporary Music

Die inneren Widersprüche

Seit nun schon 20 Jahren zeigen Die Goldenen Zitronen Haltung und treiben den politischen Diskurs voran. Doch ihr aktuelles Album „More than a Feeling“ ist nicht zuletzt deshalb so herausragend, weil auf die Positionierung auch eine schonungslose Selbstreflexion folgt.

Die Goldenen Zitronen nörgeln wieder – und wie! In einer Zeit, in der das Haltung-Zeigen vermutlich so dringend ist wie lange nicht, aber leider oft auch als inhaltsloses Marketingtool missbraucht wird, setzt die Hamburger Band um die beiden Texter und Sänger Schorsch Kamerun und Ted Gaier mit dem neuen Album „More than a Feeling“ zwar auch auf eine überraschend wenig verklausulierte Positionierung – nur schließen sie daran eben eine genauere Hinterfragung und die so wichtige Selbstreflexion an. „Es nervt“ mit Gastsängerin Latoya Manly-Spain thematisiert etwa das Vereinnahmungsgebaren weißer, meist männlicher Linker, und „Die alte Kaufmannsstadt, Juli 2017“ interpretiert die G20-Auseinandersetzungen als bereits im Vorfeld durchgeplantes Rollenfestspiel. Musikalisch wenden sich die Goldies jetzt stärker zeitgenössischen Produktionstechniken zu, was zwischen Elektrotwist und dem „Ohlalala“-Refrain von „Nützliche Katastrophen“ ihr wohl anschmiegsamstes Album ergibt. „Anschmiegsam?“, fragt da Ted Gaier mit hochgezogenen Augenbrauen nach …

 

uMagazine: Schorsch, Ted, war „More than a Feeling“ insofern eine schwierige Platte, als dass Haltung-Zeigen in der Popkultur momentan natürlich sehr wichtig genommen wird und selbst Chartpop entsprechende Phrasen und Lippenbekenntnisse als Marketingtool nutzt? Wo und wie positionieren sich Die Goldenen Zitronen in diesen Chor, nachdem man ja nun schon seit 20 Jahren ganz klar Position bezieht und Diskurse vorantreibt?

Schorsch Kamerun: Klar, wenn man das Gefühl hat, dass dieses oder jenes plötzlich alle thematisieren, dann fragen wir uns natürlich, ob wir das jetzt auch noch machen sollten. Andererseits probieren wir es ja eh immer ein bisschen anders und vor allen Dingen kontinuierlich. Unser Ansatz ist dabei schon lange kein parolenhafter mehr, wir suchen nach vielschichtigen Wiedergaben.

Ted Gaier: Es ist ja ganz okay, dass jetzt viele Bands Flagge gegen rechts zeigen, nur sind wir da ästhetisch ja schon ganz lange anders unterwegs. Bereits Anfang der 90er hat es uns nicht mehr gereicht, nur die gute Haltung zu performen. Wir wollten schon da lieber Fragen stellen oder durch bestimmte Fragestellungen auch Wege zu Antworten liefern. Und natürlich hatten wir jetzt am Anfang der Platte das Gefühl, bereits alles gesagt zu haben. Ich habe mir neulich noch mal angeschaut, was wir 1994 zur Veröffentlichung von „Das bisschen Totschlag“ bei Viva gesagt haben, als es um Hoyerswerda, Lichtenhagen und so ging. Leider hat sich da nicht so viel getan. Klar, wenn man ins Detail geht, haben sich die Parameter geändert: Es gab noch keine rechtspopulistische Partei, und es gab auch noch nicht so viel Widerstand. Aber trotzdem hat man das Wiederholungsgefühl, wenn man vor einem weißen Blatt Papier oder einem weißen Computer anfängt, über Texte nachzudenken.

Schorsch Kamerun: Also, wir haben uns ja eigentlich schon immer weitergemorpht. Was ist mit Begriffen wie „Selbstverwirklichung“, etwas „alternativ tun“ oder „revolutionär“, die ja ab den 80ern nach und nach in die Werbeindustrie, in den Mainstream eingesickert sind? Welche Feindbilder gibt es überhaupt? Oder, aus welcher Sicht sage ich bestimmte Dinge? Als wir uns als junge Menschen sozialisiert haben, gab es noch das Gefühl, man ist nur auf einer bestimmten Seite. So hat man sich gewünscht, einem Proletariat zugehörig zu sein, das dem bösen Fabrikanten gegenübersteht. Das hat sich ja nun sehr verändert, besonderes wenn man dann bei heutigen Selbst- Geschäftsführungs- Mechanismen landet: Was ist eine Marke? Und ist man das womöglich auch, obwohl man dem Markenwesen kritisch gegenüber steht?

Ted Gaier: Bei anderen Bands kommen diese Diskurse nicht vor, oder?

Schorsch Kamerun: Teilweise kommt das meiner Meinung nach schon vor, wenn man jetzt etwa zum Beispiel Tocotronic oder Jens Friebe nimmt.

Ted Gaier: Na gut, mit denen haben wir ja auch mehr gemeinsam. Das ist ja eher der Rand des Mainstreams.

Schorsch Kamerun: Darüber hinaus kommt es wahrscheinlich wirklich nicht vor. Wir kommen ja aus einer Zeit, in der man erst mal ganz platt diese Konsumwelt kritisiert hat: was die mit einem macht, oder welches Dasein die für einen bereithält. Aber es gibt ja den Kapitalismus nicht mehr und auch die Solidarität aus einer bestimmten Gruppe heraus. Das musste man irgendwann neu überprüfen, um dann zu merken: Scheiße, der Kapitalismus hat sich so clever weitergesponnen, dass er heute mitunter sogar umsonst ist, dafür aber nicht mehr abschüttelbar. Es ist schwerer, eindeutig zu sein, wenn man vielleicht auch selbst Teil des Problems geworden ist. Gegen Nazis: Ja schon, aber das sind ja neuerdings irgendwie auch alle, wir haben das nur schon immer beobachtet und für uns weitererzählt. Aber die Betrachtung des Kapitalismus’ ist heute eine andere. Als junger Punker war es für mich leicht, einen gewissen Lebensentwurf zu kritisieren, aber heute fällt es mir sehr viel schwerer, deutlich zu machen, auf welche Weise der Kapitalismus in mich eindringt.

 

Wir waren selbst überrascht, dass wir drei große Themen hatten: G20, das so genannte „Volk“ und das Mauer-Bauen.

 

uMagazine: Es gibt eine zweite Ebene, in der etwa Selbsthinterfragung oder auch Rollensprech zum Tragen kommen. Aber zunächst einmal seid ihr auf „More than a Feeling“ ja sehr direkt und weniger verschwurbelt.

Schorsch Kamerun: Was die direkte Themenwahl betrifft, mag das stimmen. Wir waren selbst überrascht, dass wir da drei große Themen hatten: G20, das so genannte „Volk“ und das Mauer-Bauen. Ted und ich haben zu jedem dieser Themen jeweils einen Text geschrieben – nur gingen die in unterschiedliche Richtungen. Bei Ted ist es die „Scheißmauer“, während das bauen dieser in meinem Text „Mauern bauen (testweise)“ ein fiktiver Umsetzungsvorschlag ist – und ich sehr gespannt wäre auf eine tatsächliche Realisierung. So zieht sich das eigentlich durch. Wir haben auch nicht das Gefühl, dass die Art und Weise, wie wir die Themen jetzt nehmen, nur weh tut, oder es zu direkt ist. Es ist ja auch keine Antiplatte geworden. Zum Teil ist es ja sogar recht heiter und viele Sachen sind sogar ein bisschen zugänglicher.

 

 

uMagazine: Musikalisch ist es vielleicht die anschmiegsamste Platte, die ihr bisher gemacht habt.

Ted Gaier: Anschmiegsam???

Schorsch Kamerun: Ich finde das in gewisser Weise auch. Zumindest im Abgleich mit den letzten drei Platten davor, die ja alle sehr miteinander zu tun hatten. Meiner Meinung nach haben wir jetzt wesentlich komprimierter geliefert. Es ist nicht ganz so überbordend und auch musikalisch nicht so verstreut. Vielleicht würde ich es nicht anschmiegsam nennen, sondern eher von einer größeren Klarheit sprechen.

Ted Gaier: Die Musik hat bei uns die Freiheit, ein Eigenleben zu entfalten. Erst dann kommt der Text dazu. Das ist der Unterschied zu Egotronic oder anderen Bands, die auch eine Message haben: Die denken beim Songschreiben schon den Hass oder die Haltung des Textes mit. Bei uns kann die Musik auch mal kindisch sein. „Gebt doch endlich zu euch fällt sonst nichts mehr ein“ ist etwa aus einer total kindischen Session entstanden. Wir hatten so ein kongolesisches Stück gehört und fanden es dann lustig, einfach draufloszuspielen. Keiner musste darüber nachdenken, ob das denn auch zum Text passt – denn den gab es da noch gar nicht. Das macht es breiter, als wenn Text und Musik immer eine Einheit bilden.

uMagazine: Ihr habt euch stärker an zeitgenössischen Produktionsweisen orientiert, um noch radikaler von Rockstrukturen wegzukommen, oder?

Ted Gaier: Mit Rockstrukturen wollten wir auch schon auf den drei Platten davor nichts zu tun haben.

Schorsch Kamerun: Eigentlich noch länger. Wenn man ehrlich ist, versuchen wir das doch schon seit 1990 oder so. Aber klar, wir hören aktuelle HipHop-Sachen und ähnliche Dinge. Wir sind jetzt schon weniger krautig, oder mindestens anders krautig. Obwohl wir das ja nun auch schon ein paar Jahrzehnte machen, ist bei uns noch immer alles offen. Als „Die Goldies“ haben wir die Möglichkeit eigentlich jedes Genre in den Topf zu schmeißen, und das dann jeweils zu unserem eigenen Kram zu machen.

Ted Gaier: So wie wir bei den letzten Platten gearbeitet haben, war es für mich jetzt nicht mehr zeitgemäß. Unsere Platten haben ja immer auch den Anspruch, zeitgenössisch zu klingen. Nicht nur, dass die Texte eine Situation der jeweiligen Zeit gesellschaftlich und diskursmäßig reflektieren, sondern auch die Musik. Das unterscheidet uns von Bands wie Tocotronic, die eben eine Rockband sind. Wir langweilen uns eben mit Rockmusik und hören zum jetzigen Zeitpunkt lieber durchgeknallte afrikanische Sachen oder queeren HipHop. Natürlich machen wir dann keinen queeren HipHop, aber man hat einen Ansatzpunkt, der dann wieder eine komplett andere Tür aufmacht.

 

Eher frage ich mich: Wer sind die Akteure, und für wen agieren die? Und vor allem: Für die, für die da gesprochen werden soll – fühlen die sich überhaupt repräsentiert?

 

uMagazine: Was euch ja auch in den Texten immer wieder gelingt. Der G20-Song „Die alte Kaufmannsstadt, Juli 2017“ reflektiert die Geschehnisse in Hamburg als ein bereits im Vorfeld gescriptetes Rollenspiel. Steckt dahinter auch ein Sich-selbst-Hinterfragen, ob es richtig gewesen ist, als Die Goldenen Zitronen bei der „Welcome to hell“-Demo aufzutreten?

Schorsch Kamerun: Wir finden das schon nach wie vor richtig. Aber auch, weil dieser Slogan eine Doppelbödigkeit hat. Wer ist eigentlich gemeint, was ist die Hölle, und wer lädt dazu ein? Das erzählt ja nicht nur: Wenn ihr hier herkommt, an diesen Ort wo das stattfindet, dann ist das die Hölle für euch, sondern die verantwortlichen Einladenden sind das genauso für die Welt. Dieser Titel ist einfach klüger, und wir fanden es richtig da zu sein, bevor diese Demo losging. Es war ja ein Nachmittag, wo es zunächst mal auch international um Information und Vernetzung ging. Aber es ist eben sehr komplex, hat keine Eindeutigkeit und man springt eben selbst auch über bestimmte Stöckchen. Trotzdem, man konnte nicht anders, weil einfach etwas entgegen gesetzt werden musste bei diesem autoritären Befehl des G20, der hier bei uns gelandet ist, wo keiner gefragt wurde und man nichts dagegen machen konnte. Wir haben dann sehr Verschiedenes erlebt bis hin zu etwas, was anscheinend nicht abwendbar, sehr erwartbar und zum Teil auch nicht gerade progressiv war. Darüber hinaus gab es auch ganz, ganz tolle, weitervernetzende Ereignisse. Es gab auch subtile, köstliche Dinge und Irritationen, die super gelaufen sind.

Ted Gaier: Wie legitimiert sich Militanz? Inwieweit ist sie symbolhaft und Strukturen erhaltend oder schaffend? In diese Fragestellungen sind wir reingeboren, als wir 1984 in der Hafenstraße angefangen haben, wo es um die Frage ging, wie man sich gegen Nazis wehrt, die da auf der Straße stehen. Nimmt man dann auch ein Stuhlbein? Und dann die Konfrontation mit den Bullen: Ist ein Bulle ein Schwein – oder nicht? War waren ja auch immer innerhalb des eigenen Milieus misstrauisch und haben mit dieser sehr grobschlächtigen 80er-Jahre-Militanz gefremdelt. Trotzdem waren wir immer solidarisch, und insofern war es für uns auch folgerichtig, auf dieser Demo zu spielen. Natürlich ist das dann ein Setting, wo die Leute eventuell auch politisch auf eine Art und Weise argumentieren, wie wir das nicht richtig oder auch zu billig finden. Unsere Sympathie wird da nicht von der Macht der Bilder gebrochen, und auch nicht von dem Wissen, dass die Bilder erwartbar sind. Man bekommt ja auch vermittelt: Nur wenn ihr Bilder, also auf theatrale Art Sachschaden produziert, kommt ihr in die Öffentlichkeit. Das ist ja auch das Bigotte der Presse. Diese friedliche, sehr diverse Demo am Samstag, die ja mit 80 000 Teilnehmern alle Spektren abgebildet hat, war gerade mal für zehn Sekunden in der Tagesschau, während die brennende Schanze ja jetzt noch ein Thema ist. Ich reagiere echt allergisch, wenn das so moralisch abgekanzelt wird. Eher frage ich mich: Wer sind die Akteure, und für wen agieren die? Und vor allem: Für die, für die da gesprochen werden soll – fühlen die sich überhaupt repräsentiert? Meine Erfahrung durch die Arbeit mit Schwabinggrad Ballett / Arrivati und das Zusammenleben mit Geflüchteten sagt eher, dass sie sich nicht automatisch repräsentiert fühlen und eher mit den Achseln zucken, wenn italienische, spanische oder deutsche Autonome da mal symbolisch in einer Nacht die Schanze platt hauen. Das sind ja Fragen, die in linken Zirkeln meistens tabu sind. Bei der Demo am 21.12.2013 vor der Roten Flora war ich auf dem Wagen und habe Musik aufgelegt, während da diese Hauerei war. Und hinterher habe ich in einem Interview gesagt, dass ich es merkwürdig finde, dass die Frauenquote im sogenannten Schwarzen Block ja ungefähr so hoch ist wie in den Führungsebenen der deutschen Wirtschaft. Dafür habe ich richtig Anschiss gekriegt, so etwas darf man nicht sagen – aber ehrlich gesagt, ich finde schon, dass wir von unseren inneren Widersprüchen reden müssen. Genauso sagen wir ja auch, dass die Bullen einfach total kalkuliert lügen. Und der Bürgermeister verbietet sich, dass man die Polizei kritisiert? What??? Bis heute wurde nicht ein einziger Bulle verurteilt. Das sind ja auch alles Teile von diesem Puzzle, wenn man über den G20 nachdenkt. Plus diese situationistischen Momente, wenn dann plötzlich die unterschiedlichsten Leute vor der Davidwache raven und tanzen. Der Text von „Die alte Kaufmannsstadt, Juli 2017“ kam eigentlich von ganz allein, weil wir alle uns dazu schon seit Jahrzehnten Gedanken gemacht haben. Wenn das so paradigmatisch vor einem steht, ist es gar nicht so schwer, das alles mal zusammenzufassen.

 

 

uMagazine: Diese Erfahrungen mit den Tabus der linken Szene haben ja auch den so wichtigen Song „Es nervt“ befeuert, in dem eine schwarze Person das Verhalten weißer Linker reflektiert. Layota Manly-Spain von Arrivati/ Schwabinggrad Ballett singt hier: „Wir, das edle Objekt of your projections, Protagonistinnen euer Schlachtengemälde, solange wir nicht das Falsche sagen und euch enttäuschen mit falschen Vorwürfen und Undankbarkeit.“ Für das Album habt ihr mit dem sehr krassen Song „Katakombe“ ja einen disharmonischen Einstieg gewählt, der Rollensprech bemüht und die ideologische Verblendung über das Bild vom Lichtenhagen-Nazi in vollgepisster Jogginghose identifiziert.

Schorsch Kamerun: Wir waren uns alle nicht sicher, ob das überhaupt funktioniert, und dann haben wir festgestellt, dass es musikalisch nur an den Anfang passt. Du nennst es disharmonisch, und das ist ja nicht nur die Musik, sondern auch der Text ist uneindeutig. Der wirkt so, als wäre er nicht weiter reflektiert.

Ted Gaier: Musikalisch ist dieser Song für mich der Soundtrack zum Jahr 2018.

Schorsch Kamerun: Es ist eine Dystopie, und ich mag es, dass der Spott, der in dem Lied drinsteckt, eine Uneindeutigkeit mitbringt. Der Gesang versucht ja diese Hysterie abzubilden, und dann ist man eben auch nicht ganz korrekt, zumindest widersprüchlich.

uMagazine: Angst vorm Missverstandenwerden habt ihr nicht?

Schorsch Kamerum: Immer, aber eigentlich ist das im Zusammenspiel mit den anderen Dingen auf der Platte recht klar, glaube ich. Wir haben den Song aber extra nicht aus dem Kontext rausgelöst und etwa als Video veröffentlicht. Aber ich mag das Stück wirklich sehr, weil es so irritierend ist. Es erzählt etwas auf eine andere Art, die nicht ganz so sauber faktisch sein muss. Und das brauchen wir auch.

Die Goldenen Zitronen • Album

Künstler: Die Goldenen Zitronen
Titel: More than a Feeling
Label: Buback
VÖ: 08.02.2019

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