Contemporary Music

Raum für Experimente

Mit seinem Label Staatsakt mischt Maurice Summen nun schon seit 15 Jahren die Berliner Musikszene auf. Doch das größenwahnsinnige Dreifach-Album „Exoterik“ seiner Band Die Türen stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten.

uMagazine: Maurice, mittlerweile lebst du seit fast 20 Jahren in Berlin und betreibst seit 15 Jahren die Plattenfirma Staatsakt. Was zeichnet Berlin nach wie vor aus und macht die Stadt für dich attraktiv?

Maurice Summen: Es gibt immer noch einen Rest von dem, weswegen ich damals nach Berlin gezogen bin. Ein bisschen Raum für Experimente und zweckentfremdetes Dasein ist noch da. Das Tempelhofer Feld ist dafür ein schönes Beispiel: In jeder anderen Stadt würde auf dieser riesengroßen Brachlandschaft des alten Flughafens längst ein Einkaufszentrum stehen, aber wir haben eine Parklandschaft daraus gemacht, wo im Sommer abertausende Leute abhängen. Klar, als ich damals hier angekommen bin, gab es natürlich all die ungenutzten Räume im alten Osten: Proberäume, Ateliers, unfassbar günstiger Wohnraum. Im Handumdrehen hat man aus einer leerstehenden Wohnung einen Club gemacht. Aber mit Läden wie dem West Germany oder ://about blank sind ja durchaus noch Reste davon da, und es gibt hier Veranstalter, die auch im Wedding oder an den abseitigsten Orten tolle Konzerte veranstalten.

uMagazine: Künstler, die aus Paris, London oder New York nach Berlin ziehen, können ihre Miete immerhin noch halbieren, aber wenn dir ein Musiker aus einer mittleren Deutschen Großstadt mit leuchtenden Augen von Umzugsplänen nach Berlin vorschwärmt – schickst du ihn dann nicht lieber gleich nach Leipzig?

Maurice Summen: Als alter Westfale würde ich das Ruhrgebiet empfehlen. Das Ruhrgebiet hat Bausubstanz und Infrastruktur, es gibt dort genügend Leerstand, eine spannende Theaterszene, und dank des Internets kann man es auch gut mit dem alten provinziellen Geist des Ruhrgebiets aufnehmen. Der Dortmunder will ja einfach nicht zum Konzert nach Bochum kommen – obwohl das nur 20 Minuten mit der S-Bahn sind. Hamburger sind ja auch so: Ist mir das Konzert wirklich so wichtig, dass ich dafür nach Kampnagel rausfahren will? Da ist die Bereitschaft in Berlin ja sehr groß. Bei uns nimmt man für ein gutes Konzert auch eine Anfahrt von einer Stunde in Kauf. Deswegen lebe ich doch in einer großen Stadt mit kultureller Vielfalt: weil ich mich freue, auch in einem anderen Kiez zu einem tollen Konzert oder einer spannenden Lesung gehen zu können. Es ist auch eine Qualität von Berlin, dass sich selbst für die abseitigsten Sachen ein Publikum findet.

uMagazine: Mit deiner Band Die Türen habt ihr gerade das monumentale Album „Exoterik“ aufgenommen. War das in Berlin nicht möglich, oder warum seid ihr dafür nach Ringenwalde in der Uckermark gefahren?

Maurice Summen: Wir sind alle in Berlin zu stark in verschiedenen Beziehungsgeflechten eingebunden. Dafür sind die Wege in Berlin dann doch zu lang. Bis wirklich mal alle zu einer Probe eintrudeln, vergehen schnell ein oder zwei Stunden und dann muss man sich auch noch erstmal warmlabern. In Ringenwalde konnten wir abends die Instrumente in die Ecke schmeißen und am nächsten Tag mit dem Frühstück wieder loslegen. Es hat sich schnell ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt, und die Gefahr eines Lagerkollers bestand nicht, weil man sich in den vielen Seen drumherum individuell abkühlen konnte.

 

 

uMagazine: Wie legst du überhaupt fest, was ein Album von Die Türen wird? Es gibt ja auch noch Der Mann, Maurice & Die Familie Summen, Der Spielmacher …

Maurice Summen: Das folgt schon einen klaren Plan. Die Türen sind generell Ramin Bijan, Gunter Osburg und ich. Es ist eine Grundvoraussetzung, dass diese drei Leute an Bord sind. Die einzige Ausnahme war damals Der Mann. Zu diesen Zeitpunkt war Gunter ja offiziell bei Die Türen ausgestiegen und wurde von Andreas Spechtl ersetzt. Dann wollte Gunter aber wieder zurück, und als wir Der Mann gemacht haben, hatte der Spechtl eh keine Zeit, weil er mit Ja, Panik unterwegs war. Jetzt wollten wir aber wieder als Die Türen eine Platte machen, und weil sich Gunter und Andreas so gut verstehen, war es für sie überhaupt kein Problem, dass beide dabei sind. Andreas ist ja inzwischen viel mehr als ein Ersatzmann für Gunter und zum eigenständigen Mitglied der Band geworden. Bei Maurice & Die Familie Summen ist Gunter nicht dabei, und Ramin war nur an der Liveumsetzung beteiligt. Die Songs habe ich ja mit Michael Mühlhaus gemacht, weil Ramin in dieser Zeit zum zweiten Mal Vater geworden ist und eine zweijährige kreative Pause einlegen wollte. Neben Ramin, Gunter und mir sind aber Chris Imler und Andreas Spechtl jetzt seit auch fast zehn Jahren als fester Stamm dabei.

 

Egal, so jung kommen wir nicht mehr zusammen.

 

uMagazine: Ein so größenwahnsinniges Projekt wie „Exoterik“ kannst du dir aber auch nur als Chef von Staatsakt rausnehmen, oder? Alle anderen Künstler hättest du doch ausgelacht, wenn sie dir ein Dreifach-Album vorgeschlagen hätten.

Maurice Summen (lacht): Das stimmt nicht. Ich war derjenige, der letztes Jahr die Band International Music dazu ermuntert hat, auf jeden Fall noch eine vierte Seite aufzunehmen und „Die besten Jahre“ als Doppelalbum zu veröffentlichen. Die Alternative wäre gewesen, drei Stücke rauszuschmeißen, damit alles auf eine Platte passt. Auch Fraktus habe ich zu einem Doppelalbum geraten. Bei „Exoterik“ war es einfach so: Wir haben sieben Stunden Musik gehabt, und das Material haben wir dann auf fünf Leute verteilt, so dass sich jeder um drei oder vier Stücke zu kümmern hatte. Jeder musste editieren und kürzen. Als wir uns dann zum Mischen im Studio getroffen haben, waren es aber immer noch fast zwei Stunden. Wir wollten alle nicht noch ein weiteres Mal kürzen, weil es dann zu zerhackt und zerfasert geworden wäre. Stücke rauszuschmeißen war auch keine Alternative, also haben wir ausgerechnet, dass wir bei der Länge auf drei Vinylplatten kommen. Wir waren einfach so froh, dass wir wieder zusammengefunden haben. Und wir waren so happy mit dem Ergebnis – also haben wir es einfach so gemacht. Egal, so jung kommen wir nicht mehr zusammen.

uMagazine: Lass mich mal versuchen, zwischen Exoterik und Esoterik zu unterscheiden. Eure Platte ist Exoterik: Sie ist verständlich und zugänglich, aber sie richtet sich an nicht Eingeweihte und ist nicht der real deal. Erst wenn ich zu euren Konzerten komme, habe ich Zugang zu dem Geheimwissen und kann Teil der Eingeweihten werden, oder?

Maurice Summen: Wenn man möchte, könnte man das so sagen. Was durch ein Gespräch übermittelt wird, geht ja immer über das gesprochene Wort hinaus. So ist es ja auch mit der Musik als Medium. Als Band versuchen wir mit dem Publikum zu einer eingeschworenen Gemeinde zu werden, und das wäre dann eher ein esoterisches Prinzip. Das Interessante bei diesem Gegensatz ist ja, dass der Begriff „Exoterik“ in den letzten Jahren eigentlich überhaupt nicht mehr aufgetaucht ist. Esoterik findet man ja doch ziemlich viel, da muss man nur an Trump oder Antisemitismus denken. Der Begriff „Exoterik“ verstaubt in den Regalen, und ich mag es irgendwie, wenn man Begriffe findet, die unbelastet sind, aber sehr wohl eine Geschichte haben. Man kann ja über „Exoterik“ auch nicht ohne „Esoterik“ reden – und das finde ich daran ziemlich spannend.

 

Unser Album ist weder eine komplett verdaddelte Quatschplatte, noch stellt sie eins zu eins eine Agitprop-Polit-Platte dar. Es bewegt sich irgendwie dazwischen, und das Gute an der Platte ist: Bevor man das Gefühl bekommt, in einen rein eskapistischen Haufen gelandet zu sein, bekommt man die eine oder andere griffige Parole um die Ohren geschmettert.

 

uMagazine: Ist „Exoterik“ denn eher eine Realitätsflucht, oder habt ihr ein politisches Album aufgenommen, das ein Erkenntnisangebot macht?

Maurice Summen: Wenn ich in der Gesellschaft, in der ich mich bewege, kein ansprechendes Angebot ausmachen kann, das mich weiterbringt, dann ist es doch durchaus legitim, sich auf die Reise zu begeben. Jeder gute Roman, jeder gute Film und jede gute Sinfonie hat immer etwas Eskapistisches, da man sich ja aus der Realität in die Kunstwelt bewegt. Und wenn in der Kunstwelt dann auch noch ein Haltungsangebot gemacht wird, dann ist das natürlich toll. Unser Album ist weder eine komplett verdaddelte Quatschplatte, noch stellt sie eins zu eins eine Agitprop-Polit-Platte dar. Es bewegt sich irgendwie dazwischen, und das Gute an der Platte ist: Bevor man das Gefühl bekommt, in einen rein eskapistischen Haufen gelandet zu sein, bekommt man die eine oder andere griffige Parole um die Ohren geschmettert. Man kann Sachen wie „Miete Strom Gas“ sagen und man muss dem keine Strophe hinzufügen – im Jahr 2019 weiß jeder, was damit gemeint ist. Hätte man das vor 20 Jahren gemacht, wäre es womöglich dadaistisch missverstanden worden. Dadurch ist auch sehr viel Raum für die Musik. Man kann mal wieder Musik hören, und es geht anders zu als in Playlisten, wo jeder versucht, innerhalb von dreieinhalb Minuten den Hit-Jackpot zu knacken. Weil Spotify sagt, ein Song muss mindestens anderthalb Minuten lang sein, wird das Limit in den nächsten fünf Jahren vermutlich auch noch deutlich runtergehen. Wirtschaftlich schießen wir uns mit Zehn-Minuten-Songs ja gerade vollkommen ins Knie, wenn man bedenkt, dass ich 0,003 Cent pro gehörtem Song bekomme.

 

 

uMagazine: Da sollte man sich schon mal fragen, was das für die Kunst beziehungsweise für eine Band bedeutet …

Maurice Summen: Genau. Lange, epische Stücke fand ich schon immer toll. Ich war schon immer Fan von Bands wie Can, und mochte es auch sehr, wenn etwa Sonic Youth experimentell wurden. Die Ausflüge, die eine Band unabhängig von ihrem Songwriting unternimmt, sind einfach geil. Natürlich ist „jammen“ ein Unwort, weil man dann sofort an die 70er und langhaarige Progrocker denkt, aber es ist einfach großartig, wenn man spüren kann, wie eine Band sich verzahnt. Für mich ist das eine ganz große musikalische Qualität, die weder im Jazz, noch in der Klassik oder im klassischen Popsongformat abzubilden ist. Und besonders toll ist es dann, wenn man das Publikum da mit reinziehen kann. Mit Die Türen wurden wir in erster Linie immer über die Texte wahrgenommen, und jetzt sollte es mal stärker um die Musik gehen.

 

Natürlich ist „jammen“ ein Unwort, weil man dann sofort an die 70er und langhaarige Progrocker denkt, aber es ist einfach großartig, wenn man spüren kann, wie eine Band sich verzahnt

 

uMagazine: War das Erfühlen denn dann schwierig, wann Text kommen sollte? Und wie der konkret auszusehen hat?

Maurice Summen: Das war meistens spontan. Ich habe Gitarre oder auch mal Synthie gespielt, und dann habe ich mich irgendwann zum Mikro bewegt und diese Sachen relativ ad hoc aus mir rausfließen lassen. Es sind natürlich auch Texte in der Mülltonne gelandet, aber bei den Sachen, die jetzt auf dem Album sind, gab es für mich einfach auch eine Dringlichkeit. Alles, was man auf dieser Platte hört, war komplett ungeplant. Wir sind ja fünf Songschreiber, und wenn fünf Songschreiber auch experimentell spielen, entwickelt sich doch relativ schnell eine Form. Zusammen versuchen wir, einen ganz bestimmten Sound zu finden, und ich finde es einfach toll, wenn man hört, wie die Band vielleicht zwei Minuten braucht, um diesen Sound und den richtigen Groove auch zu finden. Wir hätten auch die besten Ideen überarbeiten, ein weiteres Mal produzieren und auf 40 Minuten einkochen können, aber da bin ich eben sehr froh, dass Die Türen nicht von einer Plattenfirma gedeckelt werden und dieses Risiko auch eingehen können.

uMagazine: Wie wichtig ist die Dramaturgie der Platte?

Maurice Summen: Ich finde, man kann bei diesem Album überall ein- und auch wieder aussteigen. Man kann keinen Menschen zwingen, sich zwei Stunden in diesem Album aufzuhalten, aber gerade weil es so viele Instrumentalpassagen gibt, kann man damit auch sehr gut seinen Alltag bestreiten. Während man das Album hört, kann man sehr gut in den sozialen Medien rumsurfen oder seine Wohnung aufräumen. Für mich sind es sechs Seiten Musik, die auf jeden Fall schon irgendwie zusammenhängen, songhaftere Stücke und längere, experimentellere Sachen wechseln sich ab, aber man kann damit ganz unterschiedlich umgehen.

 

 

Die Türen • Album

Künstler: Die Türen
Titel: Exoterik
Label: Staatsakt
VÖ: 25.01.2019

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