Contemporary Music

Zu intim!

Als Ex:Re hat Elena Tonra ein Soloalbum aufgenommen, auf dem die Daughter-Sängerin verrät, was die wirklich zermürbenden Fragen einer Trennung sind …

Um eins mal gleich vorwegzunehmen: Mit all den larmoyanten Herzschmerzsongs, in denen eine beendete Beziehung im Nachhinein glorifiziert wird, der Wert des eigenen Daseins nur in Relation zu dem Expartner bemessen wird und es einzig und allein um die Frage geht, wie man die geliebte Person zurückgewinnen kann, hat Elena Tonras Trennungsalbum sehr wenig zu tun. Obwohl es natürlich Unmengen solcher Stücke gegeben hat, gönnt sich die 28-jährige Londonerin diese Gefühlslagen nur in dem Song „Too sad“ – den Rest hat sie vom Album verbannt, um zu spannenderen Fragen vorzudringen. „Es ist eine Trennungsplatte, aber ich spreche überhaupt nicht über die Beziehung, und er kommt kaum in den Szenen vor“, gibt Tonra zu Protokoll. „Er wird nur als eine geisterhafte Präsenz empfunden. Das Album ist ein Bericht über den Neustart.“

Obwohl sie mit den Daughter-Texten ja auch die Trennung von ihrem Bandkollegen Igor Haefeli verarbeitet und nach dem noch sehr verschlüsselten Debüt „If you leave“ auf „Not to disappear“ zu einer sehr direkten Sprache gefunden hat, war sehr schnell klar, dass diese Songs zu persönlich waren, um sie mit den Mitstreitern zu teilen. Tonra hat das Album an der Seite von Fabian Prynn sogar koproduziert, und neben Prynn, der auch Schlagzeug und Percussion beigesteuert hat, war lediglich die Cellistin Josephine Stephenson an den Aufnahmen beteiligt. Doch war Tonra strikt dagegen, die reduzierte und gleichzeitig sehr abwechslungsreiche, gar nicht so weit vom Daughter-Sound entfernte Platte als Elena Tonra zu veröffentlichen. „Ich wollte nicht, dass sie unter meinem Namen läuft, da die Person, die diese Stücke geschrieben hat, mir heute nicht mehr entspricht und es vermutlich auch nie voll und ganz getan hat“, erklärt sie. Das Pseudonym Ex:Re greift nun die Betreffzeile einer Mail auf und spielt zugleich mit dem Begriff „X-Ray“, um zu symbolisieren, wie angreifbar und verletzlich sie sich mit diesen Stücken macht.

Trinken, um den Schmerz zu betäuben

Natürlich bekommt ihr Ex ziemlich viel Wut ab: „Seems he is very conscious of the world, he recycles, he recycles his words“, heißt es etwa in „New York“. Doch ähnlich schonungslos verfährt Tonra mit der eigenen Person, indem sie sich in demselben Stück mit Freunden vergleicht, die sich weiterentwickeln und an gemeisterten Lebenssituationen wachsen, während sie sich selbst nur als eine Person wahrnimmt, die auf der Stelle tritt und sich immer wieder betrinkt, um den Schmerz zu betäuben: „Still, I raged through, wine-wasted, shit-faced, solo, so what?“ Eine ähnlich eindringliche Kartografie von ihrer Selbstzerstörung und dem Sich-selber-fremd-Sein entwirft sie auch in dem Song „The Dazzler“. Die trostlose Nacht in einem Hotelzimmer symbolisiert ihre Einsamkeit, birgt zugleich aber auch eine Fluchtmöglichkeit in sich: „I keep begging for late checkouts, let me stay here, let me live here in room 232 till I expire, I can shower for hours, leave the lights on, I’m not paying those bills.“

Selbstzerstörung für die Kunst?

Das Album „Ex:Re“ hat für Tonra seinen Zweck erfüllt. „Wenn ich diese Platte nicht gemacht hätte, würde ich immer noch eine falsche Hoffnung mit mir herumtragen. Man kann sich keine Deadline setzen, wann man über etwas hinweg sein will, aber mit diesen Songs ist es mir gelungen, mich einer Wahrheit zu stellen, vor der ich lange Zeit weggelaufen bin“, sagt sie. Doch natürlich wäre sie nicht Elena Tonra, wenn sie nicht auch diesen Erfolg kritisch hinterfragen würde: „Ist das alles zu einem Teil vielleicht auch selbstzugefügtes Leid, um schreiben zu können? Womöglich schlummert da etwas in mir, das mich antreibt, meine Welt zu zerstören, damit ich diese Zerstörung in Songs fassen kann.“

„I see your fingerprints on household things I’m just too sad to touch. I feel your skin on human beings I’m too sad to fuck. If I could write you back here, it would be my best work.“

(aus: „Too sad“)

Ex:Re • Album

Künstler: Ex:Re
Titel: Ex:Re
Label: 4AD
VÖ: 01.02.2019

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