Stark genug, um schwach zu sein

Nach dem großen Erfolg durch den Film „Once“ hat Glen Hansard mit sich und der Karriere gehadert. Doch dann traten Bruce Springsteen und zu seinem neuen Album „This wild Willing“ auch die Liebe in das Leben des irischen Singer/Songwriters.

Zu jenem Lehrer, der dem 13-jährigen Glen Hansard damals riet, doch versuchsweise für einige Zeit die Schule zu verlassen, um sein Glück als Musiker auf den Einkaufsstraßen Dublins zu versuchen, hat er immer noch engen Kontakt. „Frankie Byrne heißt der Mann“, erzählt Hansard, „dem ich unglaublich viel zu verdanken habe. Er ist längst pensioniert, und wir pflegen eine gute Freundschaft. Zuletzt haben wir uns an Weihnachten gesehen.“ Freilich war es auch im Irland der 80er-Jahre keineswegs gestattet, mit 13 von der Schule zu gehen, aber der heute 48-jährige Hansard war einfach ein besonders krasser Ausnahmefall. „Ich hatte wirklich nur Musik im Kopf. Damals war ich ein kleiner Junge, der Bob Dylan über alles liebte, seine Gitarre höchstens zum Schlafen aus der Hand gab und von einem Leben als Troubadour träumte.“

35 Jahre später lässt sich festhalten: Frankie Byrne hat Weitblick bewiesen. Glen kam als Straßenmusikjunge gut an, nach ein paar Jahren gründete er die Band The Frames und spielte 1991 in Alan Parkers Kultfilm „The Commitments“ einen Gitarristen. Doch das war erst der Anfang: Als Hansard zusammen mit der jungen Tschechin Marketa Irglova das Duo The Swell Season formte, die beiden auch noch ein Paar wurden und mit dem Musikfilm „Once“ quasi ihre in Dublin spielende Indie-Version von „A Star is born“ drehten, kam kurz mal der Weltruhm. Für das auch nach über einem Jahrzehnt unvermindert zauberhafte „Falling slowly“ erhielten Irglova und Hansard im Jahr 2007 den Oscar in der Kategorie „Best Original Song“. Für Hansard war die Zeit damals vor allem verwirrend: „Der Moment, dort oben auf der Bühne zu stehen, war abstrakt und großartig. Zuvor wurden wir auf Partys von Ringo Starr und Barbra Streisand rumgereicht. Es war eine verrückte Zeit, aber sie definiert mich nicht.“ Schließlich musste erst Bruce Springsteen kommen und dem hadernden Hansard gut zureden, bis dieser den Triumph für sich akzeptieren konnte. „Der Film war so klein und meine Welt plötzlich so groß. In Dublin habe ich mit Bruce eine ganze Nacht lang getrunken und geredet. Er hat zu mir gesagt: ,Dein Modus ist das Kämpfen und das Scheitern, aber das funktioniert für dich jetzt nicht mehr. Markiere deine Erfolge. Fahr in den Urlaub, gönn dir ein feines Abendessen oder mach dir wenigstens ein Bier auf und denk daran, was du erreicht hast.’ Damit hat Bruce mir wirklich sehr geholfen.“

 

 

Freilich sind The Swell Season nicht mehr aktiv, und die Romanze der beiden ist längst Geschichte. Irglova lebt heute mit ihrer Familie auf Island, und Hansard veröffentlicht seit 2012 ein fantastisches Soloalbum nach dem anderen. Das neueste heißt „This wild Willing“, auf dem Irglova hier und da im Hintergrund mitsingt. „Wir sind heute bessere Freunde als während unserer Beziehung“, schwärmt Hansard von seiner Expartnerin. Mit den drei klassisch ausgebildeten iranischen Khoshravesh-Brüdern und einigen irischen Elektronikfricklern sind auch noch weitere spannende Gäste auf dem Album vertreten, doch vor allem steckt in „This wild Willing“: ganz, ganz viel Glen Hansard. „Für mich ist das meine bisher wichtigste Soloplatte“, sagt der graurotbärtige und verwegen gelockte Barde mit angenehm sanfter, sonorer und völlig beruhigender Stimme. „Ich habe mir erst sehr viel Zeit mit mir alleine gegönnt, und mich dann auch beim Aufnehmen der Lieder nicht hetzen lassen. Als kreativer Mensch bin ich an neue Orte meines Selbst vorgedrungen, an Orte, die so tief sind, dass ich mich früher nicht dorthin getraut hätte.“

 

 

Das stilistisch bunt schillernde Werk, auf dem sich Hansard nicht auf seine folkige Kernkompetenz beschränkt, sondern lustvoll auch mit Temporeichtum („Race to the Bottom“), klanglicher Dynamik („Don’t settle“) und massiven Glücksgefühlen („Good Life of Song“) jongliert, entstand vergangenen Sommer und Herbst in Paris – und das eher beiläufig. Hansard wohnte im Rahmen einer Künstlerresidenz im Irish Culture Centre nahe des Jardin du Luxembourg, er verbrachte viel Zeit in seiner kargen Klause, ging ständig spazieren, saß in Cafés, las sowohl Ernest Hemingways „Ein bewegliches Fest“ als auch „Ulysses“ von James Joyce, die beide im selben Viertel, ja teils in derselben Straße geschrieben wurden, und kam unversehens ganz literarisch und romantisch drauf. „Ich war viel allein und fand es befreiend, wie gleichgültig die Stadt und ihre Bewohner mir gegenüber auftraten. Zunächst ging es mir noch schlecht. Ich habe zu viel Alkohol getrunken und hatte zudem diese Infektion im Brustkorb.“ Doch schon bald hatte er sich arrangiert. „Ich konnte unbefangen beobachten, und es gelang mir, das Leben auf einer ganz neuen Frequenz zu fühlen“, erinnert er sich, und in der Folge purzelten die Songs nur so aus ihm heraus.

Über den Sommer blühte Herr Hansard auf, der weiterhin viel Zeit in Paris verbringt und dort gerade auf Wohnungssuche ist. „Ich liebe das Trinken und das Betrunkensein, aber ich habe fürs erste damit aufgehört. Die Bedeutung von Stimulanzmitteln für die Kunst ist immens, dennoch versuche ich es nun ohne.“ Die Folgen seien seiner Erfahrung nach gravierend. „Ich bin präsenter und fokussierter“. Und verliebter: „Ich habe immer geglaubt, als fahrender Musiker sei ich für eine Partnerschaft nicht gebaut, weil mein Leben einfach zu unkonventionell ist. Doch ich habe eine fantastische Frau kennengelernt und überdenke diese Theorie besser noch einmal. Momentan lerne ich, wie kraftvoll die Liebe ist.“ Gern teilt Glen seine Forschungsergebnisse mit den Hörern. Die Single „I’ll be you, be me“ ist etwa ein Liebeslied, das vom Zulassen und von der Hingabe handelt. „Schwach zu sein und es geschehen zu lassen, ist das Schwierigste in der Liebe überhaupt. Zu lieben ist einfach, aber geliebt zu werden, das erfordert den ganzen Kerl.“ Und Glen Hansard ist jetzt eben auch ein ganzer Kerl.

Glen Hansard • Album

Künstler: Glen Hansard
Titel: This wild Willing
Label: Anti
VÖ: 12.04.2019

Glen Hansard • Listening

Glen Hansard veröffentlicht Video zur neuen Single „I’ll be you, be me“

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