Haelos: Das Prinzip Resthoffnung

Mit ihrem Debüt haben Hælos einfach nur den Sound alter Helden aufgegriffen. Doch jetzt stand Album Nummer zwei an …

Abstreiten wäre nicht nur zwecklos, sondern fast schon lächerlich, und so gibt sich Dom Goldsmith auch ganz bewusst uneitel, wenn es um das Debüt von Hælos aus dem Jahr 2016 geht. „Natürlich war unsere Platte vor allem eine Verneigung vor dem Bristol-Sound, und wir haben lediglich ein paar zeitgenössische Elemente ergänzt“, blickt er auf „Full Circle“ zurück. Doch die große Leistung der durch Gitarrist Daniel Vildósola inzwischen zum Quartett gewachsenen Band aus London war war ja auch vor allem die Erkenntnis, dass der für die 90er so prägende Stilmix von Bands wie Portishead und Massive Attack in einer immer stärker durchkapitalisierten Welt erneut auf fruchtbaren Boden fällt und eine Möglichkeit bietet, der Vereinzelung etwas entgegenzusetzen. „Mit dieser Traurigkeit, die das Gefühl des Isoliertseins ausdrückt, konnten sich damals sowohl Clubgänger als auch Alternativefans identifizieren – und genau diese verbindende Kraft wollten wir ein weiteres Mal übernehmen.“ Mit Songs wie „Pray“ und „Earth not above“ ist ihnen das gelungen, doch wurde der Band schnell klar, dass die große kreative Anforderung noch vor ihnen lag. „Schon auf der Tour zum Debüt ist uns aufgegangen, dass es nun an uns ist, diesen Sound fortzuschreiben“, bringt Goldsmith die Herausforderung auf den Punkt, an der Hælos fast zerbrochen wären.

 

 

Am Ende war gar nicht die geforderte Weiterentwicklung das Problem, sondern eher ein Zuviel an Möglichkeiten: Während Arthur Delaney, der sich mit Lotti Bernadout den Gesang bei Hælos teilt, plötzlich wieder mehr an konventionellen Songstrukturen interessiert war und anfing, auf seiner akustischen Gitarre zu komponieren, suchte der für die Produktion verantwortliche Goldsmith vor allem in der Dancemusic und beim Minimaltechno nach Innovationen. „Es hat ein bisschen gedauert, bis uns aufgegangen ist, dass wir diese beiden Ansätze sehr wohl miteinander vereinen können“, wischt Goldsmith die Querelen heute mit einem Lachen beiseite, und tatsächlich ist es dieses Ausloten der Extreme, das „Any random Kindness“ zu einem so spannenden zweiten Album macht. Während die Single „Buried in the Sand“ erst in den Remixen von Szenegrößen wie Prins Thomas und Lindstrøm so richtig aufblüht, rückt das mit dräuenden Klavierakkorden grundierte „Kyoto“ dem Hörer so nah wie eine intensive Radiohead-Ballade. Was die Stücke eint, ist das Hadern mit dem Zustand der Welt und ein verzweifeltes Klammern an die Resthoffnung. Eine Herausforderung, die wohl leider auch beim dritten Hælos-Album nicht geringer sein wird.

 

Haelos • Album

Künstler: Haelos
Titel: Any random Kindness
Label: BMG
VÖ: 10.05.2019

Leseempfehlungen

Hayden Thorpe: Hayden Thorpe: Zwei Beerdigungen und kein Todesfall

SYML: Dieser eine Song