Hayden Thorpe: Zwei Beerdigungen und kein Todesfall

Kein Wunder, dass Hayden Thorpe ein so ergreifendes Solodebüt vorlegt: Mit den Wild Beasts hat der 32-jährige Brite nicht nur seine Band verloren.

kulturnews: Hayden, stand es nach der Trennung der Wild Beasts für dich ganz generell zur Diskussion, ob du als Musiker weitermachen willst?

Hayden Thorpe: Als wir die Band vor anderthalb Jahren aufgelöst haben, wusste ich gar nicht, was aus mir wird. Mir war klar, dass ich diesem Ende im Idealfall mit neuer Musik begegne – nur gibt es dafür auch nach so vielen Jahren keine Sicherheiten. Wenn ich Musik mache, folge ich einem grundlegenden Drang, und ich wusste damals nicht, ob ich den noch in mir trage.

kulturnews: Nach Bekanntgabe der Trennung habt ihr ja quasi euer eigenes Begräbnis inszeniert, indem ihr Abschiedskonzerte gespielt habt. Vermutlich ist es aber wie der absehbare Verlust eines nahen Menschen nach langer Krankheit – man kann sich nicht darauf vorbereiten und realisiert erst viel später, was der Verlust wirklich bedeutet.

Thorpe: Gerade gestern war ich nach all der Zeit zum ersten Mal wieder in der Lagerhalle, in der wir unser ganzes Zeug untergebracht haben – und tatsächlich hat es sich für mich so angefühlt, als würde ich vor einem Grabstein stehen. Trotzdem habe ich nicht der Vergangenheit nachgetrauert, und die Auflösung der Band war ja auch keine Entscheidung, die wir leichtfertig getroffen haben. Wir sind auf alles stolz, was wir als Band gemacht haben, aber es wäre ein Verrat an dem Erreichten gewesen, wenn wir weitergemacht hätten. Ich betrachte es als ein kleines Wunder, dass wir 15 Jahre lang in dieser Intensität zusammen gewesen sind – nur gab es jetzt keinen weiteren Ansatzpunkt mehr. Ich habe in mir eine Trauer gespürt, als ich gestern vor diesem Grabstein gestanden habe. Aber auch eine große Erleichterung, weil ich immer noch morgens aufwache und sofort über Songs nachdenke.

kulturnews: Haben sich über das Soloalbum viele unausgesprochene Gefühle ihren Weg gebahnt?

Thorpe: Natürlich hat da viel im Unterbewusstsein geschlummert. Schmerz, Verletzungen und Wut sind ja immer die Währung von Songs. Ich weiß nicht, ob es in meiner Macht gestanden hätte, dagegen anzugehen. Aber ich hätte es auch auf keinen Fall getan, denn dann hätte ich den Songs ihre Seele geraubt.

kulturnews:Du bist in den 15 Jahren als Musiker derart gewachsen, dass dir eine Band nicht mehr ausreichend Raum bietet, zumal du bei den Wild Beasts mit Tom Fleming ja einen weiteren Sänger und Songwriter an deiner Seite hattest.

Thorpe: Ich bin da mit meinem zu großen Ego ständig angestoßen. (lacht) Es fühlt sich komisch an, aber vermutlich ist es okay, das so zu sagen. Ich wollte weiter ausschweifen, und in erster Linie ist „Diviner“ ja eine Trennungsplatte von meinem alten Ich. Wenn mein Leben in den letzten Jahren auf die Band ausgerichtet war, was bleibt dann jetzt von mir? Als Songwriter hast du den Luxus, deinem fundamentalen Ich nachzuspüren, da Songs als emotionale Memos funktionieren und du bei einzelnen Fragmenten neu ansetzen kannst.

kulturnews: Wild-Beast-Platten habe ich mir immer über das Konzept erschlossen: Stets war da ein spannendes Statement und eine starke Haltung, und erst in diesem Rahmen haben die Songs ihre volle Wirkung entfaltet. „Diviner“ funktioniert sehr viel unmittelbarer über das Songwriting.

Thorpe: Das nehme ich als großes Kompliment, denn ich habe lange damit gekämpft, ob es genug ist, was ich anzubieten habe. Mein Leben hat sich radikal verändert, und ich habe sehr viel Zeit mit mir allein verbracht. Die neuen Songs sind am Klavier entstanden, ohne die Gang als Backup und den intellektuellen Austausch mit den anderen. Mich hat es so erschöpft, wütend zu sein, ich musste wegzoomen, und ich wollte, dass die Songs aus sich heraus ihre Kraft entwickeln. Eine wichtige Erfahrung war für mich das Nablus Festival in Palästina. Ich bin da nur mit Akustikgitarre aufgetreten, und das Publikum hat weder meine Sprache verstanden, noch konnten sie mich kontextuell einordnen. Mir blieben nur die Songs, um eine Verbindung herzustellen.

kulturnews: War es schwierig, die Wut als kreativen Impulsgeber zu ersetzen?

Thorpe: Ich bin ja immer noch wütend – wie könnte ich das in Zeiten von Brexit und einem immer extremer werdenden Individualismus nicht sein? Aber ich habe versucht sie auszuhalten und in etwas Schönes zu transformieren. Meiner Meinung nach ist das die effektivere Form des Gegenangriffs.

kulturnews: Ist „Diviner“ eine spirituelle Platte?

Thorpe: Es eine sehr emotionale Platte, nur bin ich ganz und gar kein religiöser Mensch. Vielleicht ist es eine Spiritualität für Leute, die an die Wissenschaft glauben. Wenn ich mich damit beschäftige, was mich selbst ausmacht, geht es ja immer auch um Verbindungen zu anderen. Fakten und Zahlen mögen immer wichtiger werden, aber sie brauchen ein Gegengewicht, dass die Menschlichkeit im Spiel hält.

kulturnews: Du hast deine Kompositionen mit elektronischen Texturen und dezenten Bandarrangements verziert. Warum hast du trotz des radikalen Neustarts ausgerechnet Leo Abrahams und Lexxx als Produzententeam gewählt, die ja auch schon am Wild-Beasts-Album „Present Tense“ mitgewirkt haben?

Thorpe: Tatsächlich habe ich auch gehadert, weil sich so doch wieder Spuren der Band auf der weißen Leinwand ausfindig machen lassen. Andererseits war „Present Tense“ für mich der Beginn einer lebensverändernden Unterhaltung, deren Fortsetzung noch ausstand. Zudem liegen sechs Jahre dazwischen, in denen sich wahnsinnig viel verändert hat. Ganz ohne alte Wegbegleiter habe ich es dann doch nicht geschafft. Mir war die Bestätigung wichtig, dass die beiden mir vertrauen.

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