Die Mensch-Maschine

Für ihr visionäres Album „PROTO“ hat Holly Herndon eine Künstliche Intelligenz entwickelt – und kommt dem Menschlichen so nah wie nie.

Wenn die (Pop)Kultur das Thema Künstliche Intelligenzen verhandelt, gibt es meist zwei Narrative: Die Dystopie, nach der die K.I. zur Gefahr wird, sobald sie über Entscheidungsmacht verfügt, und das utopische Gegenstück, das die K.I. auf positive Weise humanisiert. Für ihr neues, drittes Album „PROTO“ hat die Künstlerin Holly Herndon eine K.I. namens SPAWN entwickelt – sich aber nicht festgelegt, wo sie mit ihrem Projekt hinsteuern will.

kulturnews: Holly, du verwahrst dich gegen Affirmation genauso wie gegen Zukunftspanik. War es ein Ansatz von „PROTO“, zunächst einmal zu akzeptieren, dass K.I. ein Teil unseres Lebens ist, um dann mögliche Wege zu finden, damit umzugehen?

Holly Herndon: Zunächst ist SPAWN natürlich keine Konkurrenz für die Technologien der großen Konzerne – eher eine DIY-Version davon, die es uns erlaubt, über den Einfluss von K.I. zu reflektieren. Als wir mit meinem vorherigen Album auf Tour waren, haben wir vieles von dem, was wir auf elektronischen Musikfestivals gesehen haben, als sehr automatisiert wahrgenommen. Wir haben uns gefragt: Welchen Anteil haben die Liveperformer überhaupt noch daran? Das heißt nicht, dass ich in eine idealisierte Vergangenheit zurückkehren will, aber ich finde schon, dass das hinterfragt werden sollte. Nimmt K.I. dem Menschen Freiheit, weil sie ihn zum Teil ersetzt und ihn damit weniger autark macht? Oder verschafft sie ihm Freiheit, weil ihm dadurch mehr Zeit für anderes bleibt?

 

 

kulturnews: Obwohl du Technologie so explizit zum Gegenstand machst, klingt „PROTO“ menschlicher als deine vorangegengegangenen Alben. Ein Paradoxon?

Herndon: Viele Leute stellen sich vor, dass die K.I. die Musik kreiert hat – was so nicht stimmt. Wir haben SPAWN vielmehr als Ensemblemitglied betrachtet. Bei uns geht es ja nicht um einen speziellen stimmlichen Ausdruck oder technische Versiertheit, sondern eher um eine Offenheit, die weit über die Musik hinausgeht – wir haben zum Beispiel gemeinsam gekocht, um Vertrauen herzustellen. Es ist viel Persönliches und Emotionales in die Platte eingeflossen, und letztendlich haben wir geschaut, was mit bereits erprobten Stilmitteln und Methodiken passiert, wenn wir sie unserer digitalisierten Gegenwart aussetzen.

kulturnews: Wie facettenreich das Ergebnis ist, lässt sich bereits an den beiden Singles ablesen: Während „Godmother“ experimentelle Elektro-Avantgarde ist, hat „Eternal“ fast die Struktur eines Popsongs.

Herndon: Wir haben den Sound als zu bearbeitendes Material betrachtet. Es ging darum, neue ästhetische Wege zu beschreiten, und dafür haben wir dem System die Möglichkeit gegeben, das zur Verfügung stehende Material zu interpretieren und zu formen. Bei „Godmother“ etwa waren wir ziemlich perplex, als SPAWN zu beatboxen anfing. (lacht)

 

 

Das Material besteht aus den Stimmen des besagten Chorensembles, das sich in einer laborartigen Studiosituation mit Gesangstechniken aus aller Welt beschäftigt hat. Außerdem aus den Aufzeichnungen der öffentlichen Training-Sessions, bei denen das Publikum einbezogen wurde – ihre Stimmen hat Herndon zu Samples verarbeitet, aus denen die K.I. ihre Schlüsse gezogen hat. Und natürlich hat Herndon mit ihrem Laptop experimentiert, dem sie schon auf den zwei Vorgängeralben futuristische und verstörende Klänge entlockt hat.

kulturnews: Deinen Laptop hast du mal als das intimste Musikinstrument von allen bezeichnet.

Herndon: Ein Laptop wird noch immer nicht als vollwertiges Instrument angesehen, und als nicht so intim wie eine Violione. Für mich ist das Gegenteil der Fall: Kein Instrument kennt mich so gut wie mein Computer. Er weiß von meinem Alltag und meinen Beziehungen, und ich habe diese Form der Intimität weiter getrieben, indem ich meinem Laptop erlaubt habe, mich zu imitieren, ohne dass ich überhaupt anwesend sein muss. Wenn jede meiner Gesten potenziell an die Öffentlichkeit gelangen könnte, legt das natürlich Verletztlichkeit frei. Und es hat zu weiteren Überlegungen geführt: Wenn die K.I. theoretisch selbst dann noch mit meiner Stimme arbeiten könnte, wenn ich längst nicht mehr am Leben bin – könnten wir dann irgendwann ein komplett neues Billie-Holiday-Album erschaffen? Der erste Schritt hin zu dieser Pop-Nekrophilie ist mit Hologrammshows von verstorbenen Stars wie 2Pac ja bereits gemacht. Das ist zwar ein technischer Fortschritt, befördert aber nur nostalgische Zirkelbewegungen, die uns den Blick in die Zukunft verstellen. Natürlich hat sich über die Jahrhunderte eine gemeinsame musikalische Sprache entwickelt, und ich habe nicht die Hybris, zu behaupten, dass ich aus dem Nichts eine komplett neue erfinde – aber wie sollen sich die Menschen etwa eine andere politische Realität vorstellen, wenn sie noch nicht einmal neue Bilder oder Klänge denken können?

 

Holly Herndon • Album

Künstler: Holly Herndon
Titel: PROTO
Label: 4AD
VÖ: 10.05.2019

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