Nur die Ruhe!

Mit leisen Kompositionen sorgt Joep Beving für ganz viel Aufregung. Jetzt muss der niederländische Pianist nur aufpassen, nicht wieder dem alten Lebenswandel zu verfallen.

„Die Antwort weißt du doch schon ganz genau“, entgegnet ein süffisant lächelnder Joep Beving auf die Frage, ob denn seine stille, nachdenkliche, einfach nur schöne Piano-Musik genau das richtige Heilmittel gegen all das Laute, Extreme und Aufgebrachte da draußen sei. „Ja, klar ist das so“, sagt Beving. „Alle suchen nach Ruhe, weil sie zu viel Lärm und ständigen Input haben.“ Und nicht wenige finden ihre kleine Insel des Innehaltens in seiner Musik, die der Holländer einmal als „Pop mit einem klassischen Vokabular“ bezeichnet hat. „Die Menschen brauchen etwas, um sich daran festzuhalten. Aber dass meine Bekanntheit auf so eine Größe anschwillt – das hat mich total überrascht.“

Dieser zwei Meter große Hüne mit stabilem Körperbau und gefühlter Ganzkörperbehaarung, der aussieht, als würde er in kanadischen Forsten die Baumstämme mit bloßer Körperkraft zu Fall bringen können und der doch so wahnsinnig filigran und zart sein Schimmel-Klavier zu bearbeiten weiß, ist aktuell ein sehr gefragter Mann. Der vor 43 Jahren in einem Dorf bei Emmerich nahe der deutschen Grenze geborene Beving lebt mittlerweile in Amsterdam und erzählt am Telefon, dass er in ein paar Stunden zu einem Konzert nach Mexiko City reisen muss. Erst vor wenigen Tage ist er von einer Show aus Tokio zurückgekehrt, dazwischen lag ein Ausruh- und Auftankwochenende mit der Partnerin und den gemeinsamen zwei Töchtern. Doch solche verrückten Rockstar-Ritte sollen bitte die Ausnahme bleiben. „Ich will immer meine Ausgeglichenheit behalten, denn die ist wichtig für mich.“

 

 

Beving ist keiner dieser Wunderkinder-Pianisten. Er hat zunächst ganz bodenständig in einer Werbeagentur die Musik ausgesucht, mit der die Clips unterlegt wurden – doch dann begann er sich unwohl zu fühlen und hat erste Konzerte in einem sehr kleinem Rahmen gespielt. „Ich konnte keine richtige Verbindung mehr zwischen dem herstellen, was ich in meinem Leben gemacht habe und dem, was ich eigentlich machen sollte und wollte. Also habe ich wieder angefangen, Klavier zu spielen, um nach einer gewissen Essenz und Klarheit zu suchen, die ich dann auch in der Musik gefunden habe. Ich habe mich selbst therapiert.“

Was dann folgt, ist ein kleines Wunder: Spotify fügt seine Kompositionen unerwartet in diverse Playlisten ein, worauf Manager und Plattenfirma folgen. Die Alben „Solipsism“ (2015) und „Prehension (2017) finden ein bemerkenswert großes Publikum, und nun schließt Beving seine Trilogie ab. Das Wort „Henosis“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Versöhnung“ oder „Vereinigung“. Ein Begriff somit, der wie gemacht ist für die kontemplativen Piano-Kompositionen Bevings – auch wenn auf den 22 neuen Stücken hin und wieder mit reichlich Instrumenten, Streichern und Elektronik die Post abgeht. Weil er inzwischen mehr Vertrauen in seine Fähigkeiten hat, wollte er auch mehr wagen. „Ich habe mir beim Schreiben eine Reise in einen fremden Kosmos ausgemalt“, so der von der Philosophie faszinierte Musiker, „die zugleich eine Reise ins Innere ist.“ Am Ende dieser Reise wird auch der Hörer eins mit dem Universum.

Joep Beving • Album

Künstler: Joep Beving
Titel: Henosis
Label: Universal Music
VÖ: 26.06.2019

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