Very Berlin!

Interview Steffen Rüth

Der 64-jährige Musiker gilt als Kauz, entpuppt sich im Interview jedoch als sehr umgänglich …

uMagazine: Joe, das Album „Fool“ klingt sehr dynamisch und geradezu laut für deine Verhältnisse. Womit hängt das zusammen?

Joe Jackson: Dahinter steckt von meiner Seite keine große Planung. Ich folge meiner Intuition und gucke, wo ich lande. Zum Teil wurde der Krach sicher von meiner Band inspiriert, mit der ich seit drei Jahren spiele. Ich liebe diese Männer und wollte unbedingt ein Album mit ihnen aufnehmen, bevor etwas passiert und womöglich jemand stirbt. Man weiß ja nie.

uMagazine: Wollen wir nicht hoffen.

Joe Jackson: Nein, ganz und gar nicht, ich brauche die alle noch. Außerdem haben wir uns sehr schnell, nur etwa einen Monat nach dem Ende unserer Tour im Sommer, zusammengefunden und das Album aufgenommen. Das Adrenalin und die Energie von der Tour steckten da wohl noch in unseren Körpern drin.

uMagazine: Hast du die Lieder auch während der Tour geschrieben?

Joe Jackson: Ich fummele die ganze Zeit mit Ideen und Songstückchen herum. Irgendwann hatte ich acht Stücke zusammen, die mir sehr gut gefallen haben.

uMagazine: Acht Stücke hört sich nach wenig an. Aber zu Zeiten von Vinylplatten war das eine ganz normale Länge.

Joe Jackson: Exakt. Ich habe natürlich keine Kontrolle darüber, wie die Leute meine Musik konsumieren. Wegen meiner können sie sich auch einzelne Songs als Stream anhören. Auch früher wusste man übrigens nicht, was Menschen mit Schallplatten anstellen: Vielleicht haben sie die an die Wand geworfen oder ihrem Hund zum Fressen gegeben. Trotzdem ist das Album ein klassisches Format, das sehr viel Sinn ergibt. Die Technologie hat damals diese Form mit etwa 20 Minuten pro Seite vorgegeben. Ich schaue mir auch lieber einen Film an, der zwei Stunden lang ist als einen, der fünf Stunden dauert. Außerdem sind die Songs ganz schön lang. Es ist ein Konzentrat.

uMagazine: Schreibst du deine Songs stets am Stück, von Anfang bis Ende?

Joe Jackson: Überhaupt nicht. Das ist mir in den 40 Jahren meiner Karriere nur ein einziges Mal vergönnt gewesen. Normalerweise experimentiere ich mit unendlich vielen Ideen, und es kommt nichts dabei herum. Da zieht schon mal ein ganzer Monat ins Land, bevor ich das verlorene Puzzleteil finde, und plötzlich ist der Songs total stimmig.

uMagazine: Nerven dich solche Phasen?

Joe Jackson: Nein, ich kenne das nicht anders und konnte mich bislang immer auf mich selbst verlassen. Allerdings gibt es keine Gewissheiten. Es ist möglich, dass mir nie wieder ein neues Lied einfallen wird. Das ist auch der Grund, warum so viele Künstler neurotisch sind. Wir haben so viel mit Dingen zu tun, die nicht greifbar sind. Das Künstlerleben ist voller Unwägbarkeiten, und nicht jeder kommt damit zurecht.

uMagazine: Muss ein Künstler ein wenig neurotisch sein?

Joe Jackson: Vielleicht, ja. Aber ich glaube, ich bin im Vergleich relativ stabil im Kopf. Auch viele meiner Musikerfreunde sind sehr solide und alles andere als verrückt. Ein bisschen Verrücktheit muss aber sein, damit Songs wie „Fool“ entstehen können, in den ich einfach mal alles reingeworfen habe, was mir an Sounds und Ideen in den Kopf gekommen ist. Das ganze Stück ist eine Party, ein fünfminütiger Karneval. Ich gehe sogar noch weiter: Das komplette Album ist überaus lustvoll und lebensbejahend, es wandert von der Komik zur Tragödie, alles überlappt sich, aber am Ende steht doch die Freude am Sein.

uMagazine: Geht es in „Big black Cloud“ nicht eher um dunkle Gefühle?

Joe Jackson: Stimmt, der Song handelt von Ängsten. Auch bei „Strange Land“ geht es um das Gefühl, verloren und fremd zu sein. Es ist also nicht alles fröhlich – aber auch nicht alles trübe. Was bleibt mir aber auch anderes übrig als Optimismus? Wenn du in den Sechzigern bist, solltest du allmählich wissen, was wichtig und richtig ist in deinem Leben.

uMagazine: Zum Beispiel?

Joe Jackson: In „Friend better“ geht es um die immense Bedeutung von Freundschaften.

uMagazine: Du singst: „Lover good, friend better“.

Joe Jackson: Das entspricht meiner Lebenserfahrung. Ich habe noch zahlreich Freunde aus dem englischen Nest, in dem ich aufgewachsen bin. Jemanden zu lieben, ist schön und gut – mit einem geliebten Menschen auch befreundet zu sein, ist aber noch ergiebiger. Liebe kann flüchtig sein, während Freundschaft immer ein starkes Fundament hat.

uMagazine: Du lebst seit mehr als zehn Jahren in Berlin. Bist du mit der Stadt befreundet oder in sie verliebt?

Joe Jackson: Es ist vermutlich eine Mischung aus beidem. Ich fühle mich wohl in Berlin, und obwohl die Stadt nicht mehr mit dem Berlin der 70er-Jahre vergleichbar ist, mag ich sie aus denselben Gründen wie einst David Bowie. Berlin gestattet dir alle Freiheiten, die Stadt lässt dich in Ruhe leben und so sein, wie du bist. Außerdem sind die Menschen sehr freundlich und höflich.

uMagazine: Die Berliner?

Joe Jackson: (lacht) Allen, die behaupten, Berliner seien ein rüdes Völkchen, empfehle ich einen längeren Aufenthalt in New York.

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Joe Jackson • Album

Künstler: Joe Jackson
Titel: Fool
Label: Earmusic
VÖ: 18.01.2019

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