Contemporary Music

Auch in Trennungen steckt Magie

Bisher konnten ihm weder Tod noch Trennung etwas anhaben – doch jetzt will John Grant erwachsen werden.

Eigentlich ja dreister Etikettenschwindel, eine Platte „Love is Magic“ zu nennen, wenn die prägendste Erfahrung der letzten drei Jahre eine Trennung gewesen ist. „Es steckt schon viel Liebe in der Platte“, protestiert John Grant. „Ich habe vier Jahre lang einen ganz tollen Partner gehabt, aber dann hat es einfach nicht mehr funktioniert. Ich wollte mich nicht trennen, und die Erkenntnis war sehr schmerzhaft, dass es wieder mal nicht geklappt hat, aber ich habe gelernt, dass ich die Freundschaft dieses Menschen immer noch genießen kann und ihn nicht wegstoßen muss.“ Als Beweis dafür taugen die Liebeslieber „Is he strange“ und „The Common Snipe“, die Grant erst nach der Trennung vollendet hat und die trotzdem auf seinem vierten Soloalbum gelandet sind. Doch was ist mit dem Song „Diet Gum“, der einen sehr lustigen, zugleich aber auch extrem wütenden Text auffährt? „Der Song hat überhaupt nichts mit meinem Exfreund zu tun“, sagt Grant und grinst. „Es geht um sexuelle Abhängigkeit: Jemand tut dir sehr weh und dir ist klar, dass diese Person ein totales Arschloch ist, aber dann kommt sie wieder angetanzt und sieht so verdammt gut aus – und mit einem Mal ist alles egal, was vorher passiert ist.“ Er macht ein betroffenes Gesicht, um im nächsten Moment schallend loszulachen. „Hier spricht eine ausgedachte Figur, alles ist ein bisschen übertrieben, aber natürlich steckt diese Figur in mir.“

 

So prägend die Trennung von seinem Partner auch gewesen sein mag, ist das überraschend elektronische Album keinesfalls monothematisch: Der Protestsong „Smug Cunt“ geht eins zu eins in Richtung Trump, und das ergreifendste Stück ist ohne jede Frage der Opener „Metamorphosis“, in dessen Strophen Grant durch skurrile Alltagssituationen hetzt, um sich im Refrain urplötzlich mit dem Sterben seiner Mutter auseinanderzusetzen. „Es gibt diese Momente, in denen das Weglaufen nicht mehr funktioniert und du merkst, was wirklich in deinem Kopf abgeht: Ich bin nicht fähig gewesen, den Tod der eigenen Mutter zu verarbeiten“, sagt er und lässt als Beschwichtigung auch nicht durchgehen, dass es ja gerade diese abseitigen, von der Prokastination inspirierten Assoziationsketten sind, die ihn zu einem so entlarvenden wie produktiven Songwriter machen. „Ich habe immer noch genug damit zu tun, jeden Morgen aus dem Bett zu kommen, um mich selbst als produktiven Menschen wahrzunehmen.“ Ein Festival in seiner Wahlheimat Island, das Galakonzert für Scott Walker in der Londoner Royal Albert Hall, diverse Nebenprojekte und Kollaborationen und nebenher die Arbeit an seiner Autobiografie: John Grant ist sich schon bewusst, was er in den drei Jahren zwischen den Platten noch so auf die Beine gestellt hat. „Natürlich bin ich sehr hart zu mir selbst, aber jetzt mit 50 sollte man auch im Alltag wacher sein. Tod, Trennung, Glücklichsein – all das ist okay, wenn es vorkommt“, resümiert er, und wenn sich das Erwachsenwerden so anfühlt wie sich „Love is Magic“ anhört, sollte man vielleicht wirklich damit aufhören, es zu verhindern.

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John Grant • Album

Künstler: John Grant
Titel: Love is magic
Label: Bella Union
VÖ: 12.10.2018

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