Contemporary Music

„Chaos ist eine bedrohliche und attraktive Kraft“

Interview Steffen Rüth

Solo bringt Judith Holofernes nicht nur Ordnung in ihr Leben …

uMagazine: Judith, wie chaotisch bist du?

Judith Holofernes: Ziemlich. Grundsätzlich ist der Begriff für mich positiv besetzt. Ich kann zum Beispiel sehr gut aufräumen, bin aber schlecht darin, Ordnung zu halten. Früher als Kind und als Jugendliche war ich nah dran an der Alltagsunfähigkeit. Ich war verpeilt, sehr verträumt und immer mit irgendwas beschäftigt. Durch meine Arbeit und den Touralltag habe ich mühsam gelernt, das Chaos zu bändigen.

uMagazine: Ist Chaos sexy?

Judith Holofernes: Unbedingt. Ich mag den Flirt mit dem Chaos sehr. Chaos ist eine bedrohliche und attraktive Kraft, es zieht uns an … Aber wehe, es kommt zu nah. (lacht)

uMagazine: Falls „So weit gekommen“ ein Liebeslied ist, dann eines über eine ganz schön kaputte Beziehung. Die zwei Protagonisten fahren mit einem Tandem, das zwei Platten hat, durch die Wüste. Was sagt dein Mann Pola Roy zu diesem Text?

Judith Holofernes: Der Song ist nicht direkt autobiografisch. So eine Liebesgeschichte hatte ich nie. Aber es ist Romantik nach meiner Façon. Ich mag absurde Szenerien und solche cineastischen, kleinen Roadmovies. Ich fand es spannend, über ein Paar zu schreiben, das von Anfang an gewisse Sollbruchstellen ignoriert hat.

uMagazine: Wo sind deine Sollbruchstellen?

Judith Holofernes: An dem Abschiedsschmerz mit Wir Sind Helden habe ich immer noch etwas zu knabbern. Wir haben das zwölf Jahre lang durchgezogen, waren von Anfang an auf drei Städte verteilt – da kann man nicht von „hat nicht geklappt“ sprechen. Doch alles wurde immer komplexer und schwieriger, irgendwann war dem Kamel der Rücken gebrochen.

uMagazine: Warum hast du Pola vom Schlagzeuger zum Produzenten des aktuellen Albums befördert?

Judith Holofernes: Das ist jetzt sein Beruf, der auch extrem gut zu ihm passt, da Pola ein echter Audiofreak ist. Ihn zieht es gar nicht so sehr auf die Bühne, im Studio fühlt er sich am wohlsten.

uMagazine: Ist das Lied „Unverschämtes Glück“ so eine Art Zwischenbilanz deines Lebens?

Judith Holofernes: Einerseits ja. Aber ich bin auch Scheidungskind, und mein Vater ist weggezogen, als ich anderthalb war. ich war immer krank, bin mit einer lesbischen Mutter aufgewachsen und der Umzug nach Freiburg war ein ziemlicher Kulturschock – nicht jeder würde da von einem Leben auf der Sonnenseite sprechen.

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Judith Holofernes • Album

Künstler: Judith Holofernes
Titel: Ich bin das Chaos
Label: Judith Holofernes
VÖ: 17.03.2017

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