Contemporary Music

„Eigentlich bin ich nur ein Messie.“

Julia Holters Artpop hält die Musikwelt in Atem. Doch ihre eigene Wohnung hat die Musikerin aus L.A. längst nicht mehr Griff.

uMagazine: Julia, dein neues Album basiert auf Spielereien am Synthie. Klingt so, als hättest du ganz bewusst eine absurde Ausgangssituation gesucht, um dich selbst zu überraschen …

Julia Holter: Ein bisschen stimmt das wohl auch. (lacht) Ich wollte im Sound baden und mit den Tönen spielen. Anfangs habe ich wie ein Kind vor diesem Instrument gesessen und irgendwelche Knöpfe gedrückt, um zu sehen, was passiert.

uMagazine: Nachdem dein letztes Album wesentlich zugänglicher war, stellst du jetzt mit „Turn the Lights on“ einen Song an den Anfang, an dem man erst mal vorbeikommen muss.

Julia Holter: Bei diesem Stück ging es mir zunächst darum, die vom Synthie ausgesandten Vibrationen in meinem Körper zu spüren. Während ich bei der letzten Platte sehr strukturiert und mit Strophen gearbeitet habe, wollte ich durch die Improvisationen wieder Räume öffnen und mir Freiheiten zugestehen.

uMagazine: Grundlegende Inspiration war ein Satz aus einer Kurzgeschichte der libanesischen Autorin Etel Adnan: „I found myself in an aviary of shrieking birds.“ Ein Horrorszenario, das unsere Gegenwart treffend beschreibt?

Julia Holter: Ich bin weder ein wütender Mensch, noch neige ich dazu, mich über bestimmte Dinge zu empören. Aber natürlich entspringt das Album einem dunklen Ort, der mich sehr verwirrt und dazu gebracht hat, mich diesem Synthie auszusetzen.

uMagazine: Und der dann viele Sounds ausgespuckt hat, die an den Soundtrack klassischer Science-Fiction-Filme erinnern.

Julia Holter: Es ist nicht besonders originell, „Blade Runner“ zu seinen Lieblingsfilmen zu zählen, aber für mich hat dieser Film in all den Jahren seine visionäre Strahlkraft nicht verloren. Merkwürdigerweise habe ich mir den Soundtrack von Vangelis erst vor ein paar Jahren runtergeladen, was dann zur Folge hatte, dass ich eine Zeit lang nichts anderes mehr gehört habe. Ihm gelingt es, mit einzelnen Sounds eine eigene Welt zu erschaffen.

uMagazine: Deine Sound-Improvisationen bringst du mit Kompositionen zusammen, die sich an Mittelaltermusik orientieren.

Julia Holter: Eigentlich war mein Ansatz nur, ganz egoistisch all die Dinge unterzubringen, die mich selbst faszinieren. An der Musik aus dem 13. Jahrhundert begeistert mich das Spiel mit der Polyphonie. Ich wollte Instrumente und Stimmen, die sich gegenseitig unterbrechen und das Zusammenspiel verschiedener Sprachen. Ähnlich wie bei den Improvisationen am Synthie habe ich versucht, mir intuitiv ein Sinnsystem zu erschaffen.

uMagazine: Bei all den literarischen Verweisen von Dante bis Alexander Puschkin wirkt das aber doch sehr verkopft und konstruiert.

Julia Holter: Meine Musik wird immer in einen akademischen Zusammenhang gestellt – aber ganz eigentlich bin ich nur ein Messie. So sehr meine Wohnung darunter leidet, profitiert die Musik davon, da Fetzen aus all den Büchern und Artikeln, die bei mir rumliegen, auch in meinem Kopf rumschwirren.

uMagazine: Auf „Aviary“ scheint dir eine Entwirrung zu gelingen, da mit zunehmendem Schönklang auch häufiger das Wort „Liebe“ in den Texten auftaucht.

Julia Holter: Du sprichst von Katharsis? Sagen wir lieber, dass ich bei den Aufnahmen sehr viel Spaß hatte.

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Julia Holter • Album

Künstler: Julia Holter
Titel: Aviary
Label: Domino
VÖ: 26.10.2018

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