Contemporary Music

„Fickt euch, das ist einfach sauschön!“

Mit dem elektronischen Indiepop von Sizarr wollte Fabian Altstötter nichts mehr zu tun haben. Aber kommt er damit zurecht, wenn er als Jungstötter jetzt mit Nick Cave und Scott Walker verglichen wird?

uMagazine: Fabian, schon im Entstehungsprozess des zweiten Sizarr-Albums hat es große Streitereien gegeben, weil du dich mit dem elektronischen Indiepop der Band nicht mehr identifizieren konntest. Warst du damals schon mit den düsteren Pianosongs beschäftigt, die du jetzt auf dem Debüt deines Soloprojekts Jungstötter präsentierst?

Fabian Altstötter: Nicht so konkret, aber ich habe in dieser Zeit einen ziemlich krassen Sprung gemacht. Mir hatte sich eine ganz neue musikalische Welt aufgetan, bei der ich sofort gemerkt habe, dass sie mir viel mehr entspricht. Als ich den anderen beiden eröffnet habe, dass ich mit Sizarr nicht mehr weitermachen möchte, haben sie verständnisvoll reagiert und konnten meine Argumente sehr gut nachvollziehen.

uMagazine: Kann man „Love is“ als eine Konzeptplatte bezeichnen, mit der du eine sehr schmerzhafte Trennung verarbeitest?

Fabian Altstötter: Liebe und der Verlust davon waren auf jeden Fall die Auslöser für dieses Album. Aber die Verarbeitung der Trennung fand schon vor dem Schreiben statt, denn nur so hatte ich überhaupt erst die Autorität, solche Songs zu schreiben. Teilweise beziehe ich mich auf sehr persönliche Ereignisse, teilweise sind es aber auch Sachen, die meine Erfahrungen transzendieren und über einem Gerüst ausschütten. Ich habe eher forciert, es offener zu halten und auch noch über andere Themen zu schreiben, da mein Leben in den letzten zwei Jahren ja nicht so ausgesehen hat, dass ich nur an diese Trennung gedacht habe.

uMagazine: Deine sehr poetischen, englischen Texte haben einen ganz und gar eigenen Sound. Beachtlich für einen Nichtmuttersprachler …

Fabian Altstötter: Ich habe auch sehr viel Zeit darauf verwendet, gerade weil ich oft peinlich berührt bin, wenn deutsche Künstler auf Englisch singen. Meine Exfreundin ist Australierin, und da war in Berlin hauptsächlich mit Nicht-Deutschen rumgehangen haben, war meine Alltagssprache Englisch.

„Ich bereue schwer, dass ich als Kind nicht gelesen habe.“

uMagazine: Du liest auch auf Englisch, oder?

Fabian Altstötter: Meine Freundin hat mir sehr viele Bücher geschenkt, und es war immer ein großer Teil unserer Beziehung, dass wir uns über Literatur ausgetauscht haben. Zwischendurch lese ich aber auch deutschsprachige Bücher, und ich mag mich auch nicht darauf festlegen, dass ich immer auf Englisch singe. Irgendwann möchte ich mal deutsche Texte schreiben – nur habe ich mich damit einfach noch nicht genug auseinandergesetzt. Ich bereue schwer, dass ich als Kind nicht gelesen habe und das bei mir erst mit Anfang 20 losging. Heute ist es das Medium, das mir am meisten gibt.

uMagazine: Hat es Überwindung gekostet, dich mit Jungstötter so verletzlich zu zeigen?

Altstötter: Ehrlich gesagt habe ich mich bei Sizarr viel verletzlicher gefühlt, weil die Musik für mich nicht ausgereift war. Natürlich wird Jungstötter einigen Leuten nicht gefallen, aber ich erkenne in dieser Eigenheit einen Wert und stehe voll dahinter. Ich habe jetzt viel weniger das Gefühl, ich müsse irgendjemandem gefallen oder etwas darstellen.

uMagazine: Du hältst dich mit Pathos nicht zurück.

Fabian Altstötter: Ich könnte da noch viel mehr in die Vollen gehen. Woher das kommt, weiß ich gar nicht so genau, aber irgendwie habe ich schon auch einen Hang zum Kitsch. Wenn Leute etwa Scott-Walker-Stücke als Weihnachtsmusik bezeichnen, kann ich richtig ungemütlich werden: Fickt euch, das ist einfach sauschön! Natürlich sind Streicherarrangements immer ein schmaler Grat, aber man darf da meiner Meinung nach alles machen – solange sie nur nicht zu clean und glattgebügelt sind.

„Ich war damals wahrscheinlich auch eine kleine Diva …“

uMagazine: War das der Grund, warum du Max Rieger von Die Nerven mit der Produktion beauftragt hast?

Fabian Altstötter: Max ist einfach der richtige Ansprechpartner für Kompromisslosigkeit, und er ist auch jemand, der Fehler willkommen heißt. Das war ja damals auch der große Streitpunkt mit Markus Ganther beim zweiten Sizarr-Album. Wobei ich im Nachhinein auch eingesehen habe, dass die Musik von Sizarr mit meinen Ansprüchen nicht vereinbar gewesen ist und Markus da schon richtig gehandelt hat. Ich war damals wahrscheinlich auch eine kleine Diva, und vermutlich hätte Jungstötter auch mit Markus funktioniert. Wenn man ihm sagen würde, wir machen jetzt ein Bandalbum und wir nehmen es auf, wie Talk Talk „Spirit of Eden“ aufgenommen haben, dann würde er das wahrscheinlich auch prima machen. Aber bei diesem Projekt wollte ich einfach etwas komplett Neues.

uMagazine: Wenn der Titelsong des Albums mit elektronischem Noise à la Xiu Xiu oder Health endet, geht das auf die Kappe vom Rieger, oder?

Fabian Altstötter: Wir haben das zusammen gebastelt, weil ich nicht wollte, dass das Album so einen Retrocharme hat und im schlimmsten Fall als eine Art Pastiche eingeordnet wird. So öffnet sich da eine Tür, und ich möchte zukünftig in diese Richtung auch noch weiterdenken.

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Jungstötter • Album

Künstler: Jungstötter
Titel: Love is
Label: Play It Again Sam
VÖ: 01.02.2019

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