Her mit den Westmännern!

Die besten Songs kommen manchmal … vom Ende der Welt zu uns. Auch wenn der Songwriter sich dafür von Unnar Gisli Sigurmundsson in Júníus Meyvant umbenennen muss.

Noch bevor er begann, Musik zu veröffentlichen, nannte sich Sigurmundsson vor fünf Jahren als erste Amtshandlung ganz geschmeidig um, und zwar in Júníus Meyvant. „Der Name klingt immer noch ein bisschen exotisch, aber nicht mehr so sperrig, dass er außerhalb Islands alle verwirrt.“ Wo doch die Herkunft dieses optisch unschwer als Nachfahre der Wikinger identifizierbaren Musikers bereits skurril genug ist: Meyvant stammt nämlich von den Westmännerinseln. Nie gehört? Es handelt sich um kleines, von insgesamt 4300 Menschen bewohntes Archipel an der isländischen Südküste. Sofern die See ruhig ist, schafft man es in knapp 30 Minuten bis zum Hafen und ist nach zwei weiteren Stunden in Reykjavik. Ist die See unruhig, dauert es länger – oder man bleibt einfach daheim. „Auf manche Leute mögen die Inseln wie das Ende der Welt wirken, aber als Kind ist es dort traumhaft. Wir sind immer draußen gewesen, ich hatte alles und vermisste nichts.“ Freilich hat die überwältigende Natur auch ihre Tücken: Die Gezeiten seien heftig, weshalb Westmännerinselkinder nicht unbeaufsichtigt am Strand spielen durften, und zu den zwei aktiven Vulkanen gesellte sich 1973 recht unerwartet ein dritter, indem er kurzerhand auszubrechen beschloss. „Dummerweise war damals gerade das Vulkanmessgerät kaputt, sodass niemand von dem Vulkan wusste.“ 400 Häuser wurden zerstört, aber Mensch und Tier konnten gerettet werden, da das Wetter ruhig gewesen und die Lava nur langsam geflossen sei. Von seiner Terrasse aus hat Meyvant den 220 Meter breiten Krater des Eldfell getauften Vulkans im Blick. „Genau genommen ist mein Garten ein Lavafeld.“

Dass Meyvants Lieder bei diesem Ausblick etwas zutiefst Cineastisches, Erhabenes und opulent Überwältigendes an sich haben, überrascht nicht. Auf seinem zweiten Album „Across the Borders“, das dem 2017 als „Best Icelandic Pop Album of the Year“ ausgezeichneten „Floating Harmonies“ folgt, kleckert der wunderschön warmstimmige Barde, der als Teenager am liebsten malte und durch die exzellent sortierte Plattensammlung des Vaters zum Musikmachen kam, weder mit reicher Orchestrierung noch mit sattem Soulgesang und griffigsten Melodien. Die Produktion hat was leicht 70s-Mäßiges, die Stimme lässt andere Next-Generation-Rod-Stewarts wie Paolo Nutini oder James Morrison locker hinter sich, und bei aller Grundmelancholie bleibt noch Platz für etwas Funk – wenn auch mit tränennassem Vollbart. „Der Song ,High Alert‘ handelt davon, dass die Freundin Schluss gemacht hat, und zwar völlig zu Recht, und dass sich der männliche Protagonist im Selbstmitleid windet.“ Wie reagiert denn ein Westmännermann auf so einen Tiefschlag? Klug: „Er springt ins Meer. Die Endorphine des Kälteschocks lenken ihn ab. Anschließend setzt er sich in eine heiße Quelle und trinkt ein Bier.“

Júníus Meyvant • Album

Künstler: Júníus Meyvant
Titel: Across the Borders
Label: Broken Records
VÖ: 25.01.2019

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