Contemporary Music

„Man muss gewisse Dinge auch verkacken.“

Der Berliner Produzent und ewige Weltmann Kid Simius erklärt, warum Brüche im Lebenslauf so wichtig sind.

Kid Simius alias José Antonio García Soler brach im Alter von 22 Jahren ein Psychologie-Studium ab, um von seiner Heimatstadt Granada nach Berlin zu ziehen und mit Musik sein Geld zu verdienen. Bekannt wurde er durch seine Auftritte mit Marteria bzw. Marsimoto. Kid Simius hat HipHop und elektronische Musik produziert und sich nebenher als einer der gefragtesten House- und Techno-DJs der Berliner Undergroundszene etabliert. Nach diversen EPs veröffentlicht der 31-Jährige in diesen Tagen sein Debütalbum, auf dem sizilianische Arbeiterlieder, House, Stoner Rock, psychedelischer Rap, Flamenco und Disco zu hören sind. An „Planet of the Simius“ waren neben vielen GastsängerInnen aus aller Welt auch Wegbegleiter wie Paul Kalkbrenner, Ada oder Katermukke-Chef Dirty Doering als Remixer beteiligt.

uMagazine: Kid Simius, ist es okay, dich als Vorbild zu nehmen, wenn es darum geht, die Brüche in der eigenen Biografie zu akzeptieren und wertzuschätzen?

Kid Simius: Mittlerweile ist der Wert von solchen Brüchen doch allgemein anerkannt. Trotzdem ist es in konkreten Situationen aber nach wie vor oft genug schwer, alte Prägungen hinter sich zu lassen und die eigenen Widersprüchlichkeiten zu umarmen.

uMagazine: Dann hast du in der Vergangenheit EPs veröffentlicht, um dich vor einem Debütalbum zu drücken, das erst jetzt mit „Planet of the Simius“ erscheint?

Kid Simius: Unterbewusst vielleicht schon. Auch bei den EPs war es ein Kampf, meine ja sehr unterschiedlichen musikalischen Vorlieben unter einen Hut zu bringen. Jetzt waren die Krisen natürlich intensiver, da ich so viele Aspekte meiner Persönlichkeit verbinden und sie als Teil eines Ganzem akzeptieren musste. Bei der Arbeit hat mir der Vergleich mit der Tour de France geholfen: Denkt man an die ganze Strecke, kommt man ins Zweifeln, ob man durchhält. Es funktioniert besser, wenn man sich von Etappe zu Etappe hangelt.

uMagazine: Du bist hochgradig ansteckend: Über die Jahre ist es dir gelungen, eine treue Fanbase aufzubauen, die gerade deine Vielseitigkeit schätzt.

Kid Simius: Ich weiß noch, wie ich wegen meiner Marteria-Verbindungen die ersten Male auf HipHop-Partys gebucht wurde. Da war ich sehr unsicher, was passiert, wenn ich mich nicht anpasse und den Erwartungen nicht entspreche. Letztlich geht es beim Musikmachen aber in erster Linie immer darum, selbst begeistert zu sein. Ich habe Spaß, wenn ich mich selbst erkunde und Neues ausprobieren kann – und dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass der Funke auch auf andere überspringt.

uMagazine: Hast du dir auch für das Debütalbum unbekanntes Terrain gesucht?

Kid Simius: Klar, ganz besonders bei „Spanish Footwear“. Ich war neugierig auf Flamenco, hatte aber keine Ahnung, wie das geht. Also habe ich mich mit mehreren Künstlern getroffen, die mir das erklären konnten. Um kreativ zu sein, sollte man sich immer wieder darum bemühen, ein Anfänger zu sein, der sich von Kleinigkeiten begeistern lässt.

uMagazine: Du machst das nun schon viele Jahre und bist inzwischen auch Vater. Wird es nicht immer schwieriger, neugierig zu bleiben?

Kid Simius: Natürlich, vor Kurzem habe ich mir sogar ein Buch mit dem Titel „Der Weg des Künstlers“ gekauft, um neue Wege zu finden, meine Kreativität zu pushen. Ich muss jetzt manchmal etwas länger suchen, trotzdem finde ich immer wieder etwas Neues, das mich begeistert.

uMagazine: Gibt es eine goldene Regel, wie man sich Offenheit bewahrt?

Kid Simius: Man muss immer in Bewegung bleiben und sollte sich möglichst mit ganz vielen und ganz unterschiedlichen Leuten zum Kaffee treffen. Grundsätzlich denken wir zu viel und machen zu wenig. Die Angst vor Fehlern hält uns von viel zu vielen Dingen ab.

uMagazine: Hast du nie Dinge bereut und dir gewünscht, du hättest bestimmte Entscheidungen besser durchdacht?

Kid Simius: Man muss Fehler machen und gewisse Dinge auch verkacken. Wie langweilig wäre es denn, wenn alle Sachen schon im Vorfeld zu klären wären? Es gibt keine falschen Entscheidungen, sondern nur Erfahrungen.

 

Kid Simius • Album

Künstler: Kid Simius
Titel: Planet of the Simius
Label: Jirafa Records
VÖ: 02.11.2018

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