Tanzen hinter Jalousien

Bei dem französischen Duo geht es um das Verborgene und Verbotene.

Weiße Federn im Gesicht, Brillen, die statt das Sehen zu erleichtern die Sicht versperren, dazu durchschnittliche Anzughemden mitsamt schwarzer Krawatte: Wer sind diese beiden Gestalten, die da vor einer geschlossenen Jalousie stehen – einem der Symbole für das Verborgene, ja vielleicht auch Verbotene schlechthin? Dazu noch der Albumtitel: „Traum und Existenz“ – so hätten in den 80er-Jahren vielleicht Bands wie Rheingold oder Cluster eine neue Platte genannt. Mit solchen Assoziationen ist man hier nicht einmal auf der falschen Fährte, obwohl hinter dem Projekt Kompromatder Technoproduzent Pascal Arbez-Nicolas aka Vitalic sowie die französische Sängerin Julia Lanoe stecken. Letztere ist unter dem Alias Rebeka Warrior auch eine Hälfte des Electroclash-Duos Sexy Sushi, während Vitalic mit „La Rock 01“ zur Hochzeit der zweiten French-House-Welle einen Clubhit gelandet und zahlreiche Remixe für etwa Daft Punk oder Björk angefertigt hat. Zuletzt hat der DJ mit „Voyager“ (2017) ein durchwachsenes Album veröffentlicht, das den noch ungenutzten Raum zwischen Großraumdisco-Cheesiness und barockem Pathos besetzte, um mit Kompromat nun einige entscheidende Schritte weiter zu gehen: Seine Beats reichen von Techno-Underground bis hin zu kristallinem Wave, dazu singt Lanoe auf Deutsch mit starkem französischen Akzent Zeilen wie „Ich schaute in das Seegewässer / dort erblickte ich mein Spiegelbild / eine schreckliche Schlange / nun weiß ich, wer ich bin“. Das streift hier mal Stereo Total und Malaria!, dort wieder Cabaret Voltaire und Tuxedomoon, hat einen reißfesten Draht zur Dunkelheit genau wie zum Obskuren. Und obwohl „Traum und Existenz“ auch als Dance-Album prächtig funktioniert: Die Jalousien bleiben bis zuletzt geschlossen, das Geheimnis wird bewahrt.

 

Kompromat • Album

Künstler: Kompromat
Titel: Traum und Existenz
Label: Clivage
VÖ: 05.04.2019

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