Love hates what you become

Gemunkelt wurde es schon lange, doch mit dem zweiten Album von Lost Under Heaven ist es amtlich: Das Zeitalter der guilty pleasures ist vorbei.

Sie trugen Masken, verweigerten Interviews und lärmten kompromisslos gegen die Beschissenheit der Gegenwart anno 2011: Vermutlich zählten Wu Lyf aus Manchester zu den letzten wirklich aufregenden Indierockbands. Trotzdem kann man nur froh sein, dass sich Bandchef Ellery James bei einer Party in der Hausbesetzerszene seiner Heimatstadt in die Kunststudentin Ebony Horn aus Amsterdam verliebt und kurzerhand die Band aufgelöst hat, um mit Horn das Duo Lost Under Heaven zu bilden. Das LUH-Debüt aus dem Jahr 2016 klang zwar längst nicht so garstig wie Wu Lyf, war aber dennoch nicht weniger fordernd: Auf „Spiritual Songs for Lovers to sing“ fanden die beiden nicht nur zu einem ganz und gar eigenen Sound, indem sie Postpunk, Shoegaze, Elektrorock und Folk miteinander kombinierten, sondern sie nutzen auch Videos, Performances und Begleittext, um den Songs einen kulturphilosophischen Überbau zu verpassen, der sich etwa an Joseph Beuys und Buckminster Fuller orientiert. Beim Nachfolger „Love hates what you become“ geht es nun darum, den etablierten Sound in ein konventionelleres Bandkorsett zu überführen, ohne bei Innovation und Inhaltlichkeit Abstriche zu machen: Während beim Debüt noch The Haxan Cloak seine Hände im Spiel hatte, holten sie jetzt Rockproduzent John Congleton (St. Vincent, Sigur Rós) ins Team, der ihnen auch gleich mal den Swans-Schlagzeuger Thor Harris vermittelt hat. So rockt der Opener „Come“ los, als hätten sich Nine Inch Nails nach „The Downward Spiral“ nicht nach und nach in Schreibblockaden und Ambientsounds verloren, und wenn bei „Bunny’s Blues“ plötzlich Horn den Hauptgesang übernimmt, gipfelt der dräuende Song in einen Refrain, der Alison Mosshart von The Kills vor Neid erblassen lässt. LUH reizen auch eher unangenehme Referenzen aus, die sie mit intelligenten Texten und überraschenden Schlenkern umcodieren: Der vom Piano getragene Song „The Breath of Life“ schmiegt sich an wie eine Powerballade von Meat Loaf, und bei dem apokalyptischen Wiegenlied „Post Millenial Tension“ nutzen sie die käsige Hookline, um uns ein bisschen Resthoffnung zu retten. Und natürlich ergibt es auch Sinn, die Hymne „For the Wild“ erst ganz zum Schluss rauszulassen. Pathetischer Ausdruckstanz, die zum Himmel gereckte Faust und ein Sich-grölend-in-den-Armen-Liegen: All das ist jetzt nicht mehr peinlich. cs

Lost Under Heaven • Album

Künstler: Lost Under Heaven
Titel: Love hates what you become
Label: Mute
VÖ: 18.01.2019

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