Contemporary Music

Ein bisschen Wahnsinn

Mit ihrem neuen Album pimpt die amerikanische Singer/Songwriterin LP das Liebesleben aller Kreativberufler.

Auch die 37-Jährige mit dem bürgerlichen Namen Laura Pergolizzi, deren Großeltern aus Sizilien und Neapel in die USA einwandert sind, wird keineswegs durchgehend von der Muse geknutscht. Speziell bei der Arbeit am neuen Album „Heart to Mouth“ habe sie sich durch ziemliche Hänger kämpfen müssen, doch weiß LP eben, wie man kreative Krisen umschifft. „Songs zu schreiben, ist so wie Laufen gehen oder die Küche zu saugen. Du hast nicht immer Bock, aber danach fühlst du dich definitiv besser. Als Songwriterin habe sie gelernt, nicht rumzusitzen und zu warten, bis sie eine Idee hat. „Die Kunden warten auf deine Arbeit, du musst jederzeit in der Lage sein, dich aufzuraffen und deinen Job zu machen, und notfalls musst du dich dabei quälen.“ LP, die vor acht Jahren von New York nach Los Angeles umgesiedelt ist, reüssierte zunächst als Komponistin für andere: LPs größter Hit ist „Cheers (drink to that)“ von Rihanna, für die Backstreet Boys und Christina Aguilera hat sie auch geschrieben. Aber weit häufiger blieb ihr Schaffen weitgehend ungehört. „Die Arbeit mit fremden Künstlern hat mir eine dicke Hornhaut für meine eigene Karriere verschafft. Denn von 90 Prozent der Leute wird die Öffentlichkeit trotz toller Stimme und klasse Songs niemals etwas hören.“

Auch LP tat sich schwer mit der eigenen Karriere. Ihren großen Durchbruch hatte sie vor zwei Jahren mit dem Song „Lost on You“, einem Hit in ganz Europa. Doch selbst dieser Gitarrenpopknaller erster Güte war kein Selbstläufer. „Er wäre fast für immer in meinem Computer geblieben und frühestens von der Nachwelt entdeckt worden“. Leicht zynisch wird man in diesem Geschäft also auch. „Ich hatte Glück, dass ein griechisches Label den Song lizensiert hat. Das war wie ein Lottogewinn.“ Die folgenden zwei Jahre tourte sich LP einen Wolf, und zurück in L. A. galt es, den beruflichen Wirbel, aber auch die privatamourösen Abenteuerlichkeiten der letzten Jahre zu sortieren und in den neuen Liedern aufzuarbeiten. So beschreibt sie in der aus der Perspektive ihrer Exfreundin geschriebenen Ballade „Recovery“, wie weh es tut, unerwartet sitzen gelassen zu werden. „Das habe ich erst verstanden, als es mir mit meiner nächsten Freundin selbst passiert ist. Mir wurde klar, was für ein selbstsüchtiger Arsch ich gewesen sein muss.“ Das emotionale Gegenstück dazu ist der Song „Girls go wild“, mit dem sich LP vor der so inspirierenden Stadt Los Angeles verneigt. „Es ist ein Lied über uns Menschen, die an die Westküste kommen, um hier im Guten wie im Abgründigen ihre Freiheit zu suchen und zu finden.“ Deswegen wundert es sie auch nicht, dass die neuen Lieder an den Westcoast-Seventies-Pop der Eagles („Dreamer“) und mehr noch an Fleetwood Mac erinnern. „Das sonnengetränkte, coole, entspannte Leben verkörpere ich gern“, sagt sie und lacht rau auf. „Aber natürlich nicht ohne einen Schuss Wahnsinn.“

LP • Album

Künstler: LP
Titel: Heart to Mouth
Label: BMG
VÖ: 07.12.2018

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