„Kontrollverlust? Für mich immer schon Ziel Nummer eins.“

Der Pianist Martin Kohlstedt ist ein Meister der Improvisation. Doch was passiert, wenn er auf den 60-köpfigen Leipziger GewandhausChor trifft?

kulturnews: Martin, wenn man deinen Werdegang als Komponist betrachtet, wird es immer komplexer. Und du fügst stetig neue Variablen hinzu, oder?

Martin Kohlstedt: Es ist immer vielschichtiger geworden, und ich habe schrittweise mehr zugelassen. Ich wollte etwas aus mir rausholen. Das hat mit „Tag“ und „Nacht“ begonnen, wo ich unter der Sehnsuchtsflagge der Kindheit und Jugend etwas in meinem Inneren verhandelt habe. Bei „Strom“ habe ich das zwar auf die heutige Zeit übertragen, trotzdem war die Verhandlung immer noch eine einsame Angelegenheit. Die Öffnung kam durch diverse Remixe und natürlich durch die Zusammenarbeit mit einem klassischen Chor. Erst jetzt habe ich den Mumm dazu, auch extrovertiert mit meinen Gedanken und meinem Vokabular umzugehen. Aber jetzt, wo ich diese Stärke erreicht habe, könnte ich mir auch durchaus vorstellen, wieder ein ganz reduziertes Solopiano-Album folgen zu lassen.

kulturnews: Hast du denn vorausgesehen, dass dich deine Entwicklung zu dieser sehr opulenten und wirkungsmächtigen Platte führen wird?

Kohlstedt: (lacht) Es ist eher eine Überraschung. Schon von Anfang an habe ich mir ein Gegenüber gesucht und meine Stücke von anderen Künstlern interpretieren lassen. Aber jetzt bei „Ströme“ hatte ich das Gefühl, dass sich in mir selbst eine Spaltung vollzieht. Da ist der zarte, sehnsüchtige und improvisierende Martin, aber gleichzeitig gibt es auch den Martin, der einen sehr forcierten, konzentrierten und auch harten Ansatz wählt, um dieses Projekt durchzubringen. Bis heute kann ich kaum glauben, dass es auf diese Weise funktioniert hat, denn es geht ja um das Zusammenspiel von einem klassischen Chor und total intuitivem Handeln. Aber diese ganze Reibung erzeugt so viel Energie, aus der ich gerade schöpfe.

 

 

kulturnews: Du hast ein modulares Kompositionskonzept entwickelt, das du als eine im Zwischenraum von Musiker und Publikum stattfindende Konversation beschreibst. Suchst du durch die Zusammenarbeit mit dem Leipziger GewandhausChor einen noch radikaleren Kontrollverlust?

Kohlstedt: Kontrollverlust war für mich immer schon Ziel Nummer eins. Durch den Chor und deren Leiter Gregor Meyer wurde es mir möglich, das von mir entwickelte Stück für ein paar Sekunden oder vielleicht sogar für eine Minute an ein Gegenüber abzugeben. So konnte ich in kompletter Freiheit in meinem eigenen neuen Stück stehen und es selbst hören. Für einen ganz kurzen Moment ist dann der Blick komplett frei auf mein eigenes Gefühl, und genau darum geht es: diesen Moment greifbar zu machen. Diese Hin- und Hergespiele ist ein extrem aufwändiges Prinzip voller Konzentration und am Ende auch Hingabe.

 

 

kulturnews: War es im Vorfeld wichtig, ein Verlässlichkeitssystem zu installieren?

Kohlstedt: Dreh- und Angelpunkt war das Vertrauen. Gregor und ich haben uns kennengelernt, wir wollten eigentlich über Musik sprechen – und sind direkt bei Beziehungsproblemen gelandet. Es musste ein blindes Vertrauen herrschen können. Das sagt vermutlich jedes Bandmitglied, aber hier ging es ja um zwei komplett verschiedene Welten. Wir mussten ein neues Vokabular finden, bei dem das Scheitern und die Reibung mit einprogrammiert sind. Für die Klassik ist Imperfektion ja eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, aber wir wollen sie ja gerade nutzen, um die Musik weiterzuentwickeln.

 

Martin Kohlstedt • Album

Künstler: Martin Kohlstedt
Titel: Ströme
Label: Warner Classics
VÖ: 03.05.2019

Martin Kohlstedt • Listening

Martin Kohlstedt veröffentlicht neue Single „Niodom“

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