Rocketman

Auch wenn der Titel seines neuen Albums anderes vermuten lässt: Die Kraft von Martin Tingvall liegt noch immer in der Ruhe.

„Wir können nicht jedem gefallen und wollen es auch nicht“, hat Martin Tingvall vor ein paar Jahren über seine Stammband, das Tingvall Trio, gesagt. Gemeinsam mit dem deutschen Schlagzeuger Jürgen Spiegel und dem kubanischstämmigen Omar Rodriguez Calvo bildet der schwedische Pianist seit mehr als 15 Jahren eine der erfolgreichsten deutschen Jazzbands. Das Tingvall Trio steht für melodischen Jazz ohne Disharmonien oder minutenlange Soli. Der Leader geht mit dem leicht vermarktbaren Stil seiner Band ganz offen um: „Unser Grundmaterial ist im Vergleich mit anderen Jazzmusikern ziemlich kommerziell. Wir sind zugänglicher als andere, machen ein Hybrid unterschiedlichster Stile. Ich bin in erster Linie Musiker, nicht Jazzer.“

Die hohe Musikalität des Skandinaviers zeigt sich nun auch auf seinem dritten Soloalbum. „The Rocket“, wie immer verlegt von der Hamburger Plattenfirma Skip Records (siehe Kasten), ist durchzogen von Tingvalls typisch sanftem Klavierspiel – ganz ohne weitere Instrumente. Auch auf diesem Album finden sich verschiedene Stile: leichte Neoklassik, Jazz, minimalistische Folklore. Doch verzichtet der Schwede diesmal ganz auf Blues oder schnellere Stücke. Tingvalls Kommentar: „Die Digitalisierung verändert unser tägliches Leben. Mit diesem Album wollte ich einen Gegenpol der Ruhe entwerfen.“ Songtitel wie „Floating“ und „No Gravity“ deuten an, dass sich der Komponist hier gänzlich einer schwebenden Leichtigkeit verschrieben hat. Der Pianist, der schon Musik für Udo Lindenberg und mehrere „Tatort“-Folgen komponiert und sein Zuhause unweit der Elbe hat, weckt mit diesen 14 Stücken angenehm nordische Assoziationen: weite Landschaften voller Seen und Wälder, aufgewühlte Wolkenformationen, Eisschollen im Meer. Der Titelsong, der so gar nichts von raketenhafter Impulsivität hat, wird von einem minimalistischen Klaviermotiv dominiert, das auch einem Chilly Gonzales zur Ehre gereichen würde. Martin Tingvalls „The Rocket“ mag keine funky Funken versprühen. Doch diese Rakete ist ein Slow Burner.

„The Rocket“ könnt ihr hier auf Amazon bestellen.


20 Jahre Skip Records

Skip Records ist europaweit eine der ersten Adressen, wenn es um geschmackvollen Jazz geht – nicht zuletzt, weil das Label immer wieder auch über den Genre Tellerrand hinausblickt. Seit 20 Jahren gibt es das Hamburger Independentlabel nun schon, und das will natürlich gebührend gefeiert werden: Am 21. 9. findet das große Jubiläumskonzert im großen Saal der Hamburger Laeiszhalle statt, bei dem neben Martin Tingvall zahlreiche weitere Künstler*innen gratulieren werden, die das Label geprägt haben – darunter das Emil Brandqvist Trio, Caro Josée, Omar Sosa, Nina Attal und sicher auch der ein oder andere Überraschungsgast.

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